Wie unsere Medien das 21ste Jahrhundert überleben können

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Die Zukunft der Publizistik hat zwar nicht in der Schweiz begonnen, kann dort aber besichtigt werden. Es gibt eine Zukunft? Ja, aber dass ausgerechnet im Zeitalter der immer und überall verfügbaren Information die bisherigen Medien, sowohl auf Papier als auch auf dem Bildschirm, sinkende Nutzerzahlen erleiden, hat einen Grund: Sie sind nach wie vor eine Einbahnstrasse der Kommunikation, während Soziale Plattformen Austausch und Teilnahme durch die Nachrichtenkonsumenten ermöglichen. Der simple Trick, einfach News nicht nur in TV und Tageszeitung, sondern auch auf Facebook zu zeigen, hat hier keine Lösung gebracht; auf jeden Fall nicht für Verlage und Sender, die eine Diskussion scheuen.

Tatsächlich braucht man unerwartet viel sachkundiges Personal, um solche Diskussionen shitstormfrei zu führen, und selbst dann besteht die Teilnahme der Konsumenten am Nachrichtengeschehen nur im simplen Widersprechen auf einer der vielen Plattformen.

Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat im deutschsprachigen Raum (wenn auch stark dialektgefärbt) die Nase vorn: Mit einem Chatbot. Also einer Software, die von der legendären, 1995 „geborenen“ ALICE (Artificial Linguistic Internet Computer Entity) abstammt und so mit Siri oder Cortana verschwistert ist. Dieser Bot kann einfache Fragen beantworten, damit die Schweizer Radiohörer und Fernsehseher anschliessend leichter ein Abstimmungstool benutzen können, das zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen Meinungsbilder erstellt. Also ist die Schweizer Nase nicht allein wegen einer Stiefschwester Siris vorne, sondern weil drumherum es ein ganzes Ökosystem von Partizipation gibt.

Einer der führenden Vordenker unseres aktuellen, frühen Informationszeitalters, Mike Masnick, beschreibt diesen Ausweg aus dem heutigen Jammertal der Medienhäuser auf seiner Website Techdirt mit der Formel: „CwF + RtB“, oder „Connect with Fans and Reason to Buy“. Egal, ob Musik, Film oder tagesaktuelle Nachricht: Der Verkaufs- oder auch nur Kundenbindungsvorgang funktioniert in unserem jungen Jahrtausend eben anders als damals in der Industriezeit, als es noch physische Nachfrage nach einem nicht minder physischem Angebot gab, als der Markt von Knappheit, Überfluss, Transportkosten und Konkurrenzprodukten bestimmt wurde. Charakteristisch für unsere Gegenwart ist dagegen, dass so gut wie alle digitalen Produkte, gerade auch einschliesslich der Information in TV-News und Tageszeitung, im Überfluss vorhanden sind, kaum Vervielfältigungs- und Transportkosten verursachen und überwiegend auch auf einem wie auch immer schattierten grauen Markt zu bekommen sind.

Genau hier macht das im Unterschied zur ARD und ZDF privatrechtliche (ist öffentlich rechtlich, wie mir fernschriftlich aus der Alpenschokoladenrepublik versichert wurde) SRF alles richtig: Der Nutzer erhält die Möglichkeit zur Interaktion (Menschen chatten mit Bots getestetermassen fast so gerne wie mit anderen Menschen) und Partizipation (Abstimmung per App) auf der selben Webseite, auf welcher auch die sachliche Information zum Thema steht.

Das Schweizer Medienunternehmen befolgt damit die „CwF + RtB“ Regel ziemlich gut, und sollte damit entsprechend Erfolg haben – was wir beobachten werden. Aber ein Anfang ist damit gemacht, und die Medienmisere des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht ausweglos. Wir müssen nur erst die Regeln lernen, nach welchen unsere Gegenwart funktioniert.

Über das Schweizer Chatbotangebot berichtet der beim SRF angestellte Journalist Konrad Weber. Das Bild oben zeigt den beliebten Robot Bender Rodríguez aus Matt Groenings Futurama.

1 Kommentar

  1. Sprechen UND Zuhoeren is gut
    – aber „Chatting“ ist nur fuer den lockeren Feierabend, bei einem (oder auch zuviel) Bier oder Glas Wein (oder den Kaffeeklatsch).
    Was wichtig ist, waere der Wahrheitsgehalt.des Gesagten oder Gezeigten – und der hat sehr gelitten.
    Wir sind wieder in einer Lage, in der man/frau „zwischen den Zeilen“ und aus „kleinen Unstimmigkeiten“ die Wahrheit herauslesen kann.
    Das kann aber auch ein wenig wie das Horoskoplesen aus dem Kaffeeesatz sein, wenn nicht praktische Kenntnise vorangehen. Ich beziehe mich bei meinen „Lesungen“ stark auf meine Erfahrung im militaerischen Nachrichtenbereich, bes. im Lufraum – aber da koennten auch andere praktische, auch weniger militaerische Dinge Grundlagen bilden. Voraussetzung ist eine gewisse analytische Schulung des Denkens.
    Ohne die sind unsere heutigen „Nachrichten“ eben nicht, was sie vorgeben, sondern Indoktrination.

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