Gentrifizierung ist ein Euphemismus für soziale Säuberungen

hochablass_felix_hartmann

Um meiner persönlichen Aufwärtsspirale noch etwas Schwung zu verleihen, bin ich eben mal aus der von mir bewohnten Innenstadt meines favourite Winterschlaf­hausen zum Hochablass gegangen, einer mehr als 100 Jahre alten Stauanlage des nahe Lech-Flusses (knappe 5km) und dann flussabwärts über die Spickel-Insel (ja, sowas gibt’s) zur Strassenbahn Richtung City. Die Strassenbahn verschafft mir immer ein wenig gute Laune, weil sie mich daran erinnert, wie wir Bürger vor ein paar Jahren erfolgreich gegen den Ausverkauf der lokalen Stadtwerke an einen Riesenkonzern gekämpft hatten. Der Weg, den ich nehme (Weil ich Ureinwohner bin und alle Trampelpfade kenne) ist grün und ruhig und fernab der Neubauwohn­gebiete, die meiner etwas provinziellen Heimatgrosstadt in wenigen Jahren ein Bevölkerungswachstum von rund 10 % einbrachten. Es ist schön, auf einmal viele junge, positive Menschen in der Stadt zu haben. Aber die Mieten sind aufs mindestens Doppelte gestiegen, und die Immobilienkaufpreise noch mehr.

Und das in der Gemeinde mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen dieses Bundeslandes, dem „Armenhaus Bayerns“, wie die Presse das hier nennt. Diese Armen leben allerdings vor allem in den billigen, hässlichen Vororten, die genauso aussehen wie alle anderen billigen, hässlichen Cityrandgebiete anderer Städte. Die jetzt aber ebenfalls Haus für Haus saniert werden, wenn die ehemaligen Industriebrachen und damit gerodeten Grünflächen mit tausenden von Laubbäumen aus dem 19. Jahrhundert demnächst alle zu Wohnvierteln mit Bahn- und Autobahnanbindung in die Landeshauptstadt umbetoniert wurden. Mit den entsprechenden Folgen für die bisherigen Mieter, die durch weiter nachziehende, junge positive Menschen wirtschaftlich verdrängt werden.

Wir kennen den Begriff „ethnische Säuberungen“, der eigentlich bezeichnet, wenn Leute, die angeblich einer anderen Ethnie angehören, aus ihrer Heimat vertrieben werden (oder gleich umgebracht). Die Gentrifizierung, also der Umbau ein Stadtvierteln oder ganzen Gemeinden zum Wohnbereich für wirtschaftlich Bessergestellte führt zu einem ähnlichen Effekt: Wer sich das explodierende Mietniveau nicht mehr leisten kann, muss aus seiner Commuity, seinem gewohnten Lebensumfeld wegziehen. Irgendwo hin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und die Mieten noch billig sind. Das liesse sich durch Sozialwohnungen auffangen, aber diese werden ja zunehmend an Immobilienkonzerne vertickt und dienen dann einer weiteren Gentrifizierung. Und Verdrängung. Kein Wunder, wenn die Leute durchdrehen und verzweifelt nach Rattenfängern suchen, um ihnen hinter her zu laufen. Mich hat der Waldspaziergang ja erfrischt und beruhigt, aber die Gesamtsituation wird in den nächsten Jahren eher noch düsterer.

Pic Felix Hartmann cc by sa

4 Kommentare

  1. Fritz, raus aus der Stadt, ist immer gut.

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  2. Whow. Einer aus der Politik, der sowas benennt. Nach Sahra Wagenknecht bist Du möglicherweise erst der zweite. Wenn sich alle Politiker dieser Mißstände annähmen, hätten wir kein AfD-Problem. Sehe ich genauso.

    Gruß

    Thomas

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  3. Tja, Fritz, so ist das.
    Wer sind denn die „jungen positiven Menschen“?
    Die muessen doch -vor allem- finanziell positv, bzw. positiver sein.
    Ich weiss, ich bin ein alter Knacker, aber wir hatten auch, vor 18 Jahren schon, etwas gute Hirnmasse -und einen guten Hund, der sowieso in die Hochhaeuser nicht zugelassen worden waere- und sind aufs Dorf gezogen.
    Und na ja, der Lech sieht ja ganz gut aus – auch mit dem Wehr. Ich bin da ja frueher mal drin rumgeschwommen, etwas weiter oben – uebers obere Ende von der Rollbahn in den Wald rueber, Vesper (mit Bier) im Uferlokal und zurueck – das war unsere Mittwochs-„Uebung“
    (alles, was wir ausser Unterricht „militaerisch“ machten war durchaus zum aushalten).
    Heute nehm‘ ich Toby und Violet zum Pier runter und ueberlass‘ den Hunden das Schwimmen. Aber hinterm Dorf ist schon seit Jahren ein grosses Bauareal abgezaeunt, ca. 8 Hektar, alles aufgekauft von einer Baufirma – aber bauen tut da noch keiner: Preis abwarten!
    Aber eines Tages – da wird der Beton da hochschiessen wie die Pilze nach dem Sommerregen. Tja, und die „jungen positiven Menschen“ werden da einziehen.
    Ich versteh nur nie, wie die sich das leisten?

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    • Den jungen Leuten mit High-, Med- oder Fintechjobs wünsch ich alles Gute. Das Problem ist, dass sie gegen die wirtschaftlich Schwachen ausgespielt werden. Auf dem Land hab ich auch ca 13 Jahre gelebt. Tonstudion, Werkstatt, Übungsraum. Aber das war ne freie Entscheidung, und meine Community hab ich auf Tour mit der Band in anderen Städten gehabt. So gut gehts aber nicht allen.

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