Als ob die Nazizeit unser einziges Problem wäre, Herr Bozdağ

bozdag

Der amtierende türkische Justizminister Bekir Bozdağ (siehe pic) hatte vor, im baden­sischen Gaggenau bei Karlsruhe einen Wahlkampfauftritt für die geplante Verfas­sungs­änderung (in Richtung Präsidialdiktatur) der Türkei abzuhalten. Das hat nicht geklappt, weil die Stadtverwaltung nicht für die Sicherheit in der kleinen örtlichen Halle garantieren konnte. Reaktion des Würdenträgers: Er empfahl den Deutschen, sich an ihre Geschichte zu erinnern und wähnte, dass nun die alten Schrecken wieder aufflackern würden. Das war aber fix, Herr Minister. Kaum klappt was nicht wie geplant, kommt die Nazikeule zum Einsatz.

Keine Frage, Herr Bozdağ, die Nazis haben, geduldet von der Mehrheit der deut­schen Bevölkerung, zu Zeiten des sogenannten dritten Reichs unaussprechliche Gräueltaten begangen. So ähnlich wie das damalige osmanische Reich in Armenien und anderswo, nur noch eindeutig unaussprechlicher. Allerdings ist Deutschland heute (zum Leidwesen der aktuellen Rechtspopulisten) mehrheitlich von demo­kratisch und humanistisch eingestellten Menschen bewohnt, die sich aktiv und offen gegen Rassismus, Sexismus, Unterdrückung stellen. Also das genaue Gegenteil der Nazis. Leute wie ich hätten in jener finsteren Zeit das Land verlassen müssen, um ihr Leben zu retten. Nicht wegen irgendeiner Abstammung, sondern wegen unserer demokratischen, freiheitsliebenden Gesinnung. Aus welcher heraus auch die heutige Entwicklung der Türkei sehr kritisch betrachtet wird. Also muss ich die Nazikeule, Herr Minister, als lächerlich zurückweisen. Es genügt eigentlich völlig, wenn man sich diese als Bewohner dieses zentraleuropäischen Landes bei jeder noch so kleinen Diskussion mit einem Israeli, schon gar zum Palästinaproblem, vors Gesicht halten lassen muss. Da muss man ein wenig Verständnis haben, weil der Staat Israel ja seine problematische Existenz unter anderem dem durch die deutschen Nazis verübten Genozid verdankt. Der ja viel, viel schlimmer war, als alles, was die Türkei heute ihrem kurdischen Bevölkerungsanteil zufügt. Aber selbst im konkreten Gespräch mit aufgebrachten Israelis darf man als Bewohner meines Heimatlandes aus den beschriebenen Gründen die Nazikeule höflich ablehnen (ausser, man ist Neonazi und entblödet sich nicht, Holocaustparolen nach­zu­plappern). Im Fall der Türkei, sehr verehrter Herr Bekir Bozdağ, ist der Hinweis auf das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte allerdings nur blamabel. Ein kompletter Witz. Eine Beleidigung für die Ehre aller Türken (und Kurden, und Armenier etc). Aber bitte, keine Ursache, Herr Minister, ich hab das gerne mal kurz erklärt.

guardian, pic twitter, noch mehr Presse: spon

5 Kommentare

  1. Wie lange wollen Deutschland und Europa sich das eigentlich noch bieten lassen? Angesichts der aktuellen Entwicklungen sollte man die Türkei sofort aus der NATO werfen, sämtliche Zahlungen einstellen, den Tourismus boykottieren, und gleichzeitig den Flüchtlingsdeal und die doppelte Staatsbürgerschaft für Türken in Deutschland annullieren.
    Danach könnte man noch mit Prämien und kostenlosen Flügen die verbleibenden AKP-Sympathisanten zur Ausreise motivieren.
    Kurden und demokartische Oppositionelle dürfen gerne hier bleiben.
    Ditib-Spione und Diyanet Mullahs könnte man auch alle eine Runde in Untersuchungshaft stecken und dann konsequent abschieben.
    Das ist leider die einzige Sprache die die aktuelle Türkei versteht.

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  2. ZITAT „Allerdings ist Deutschland heute (zum Leidwesen der aktuellen Rechtspopulisten) mehrheitlich von demo­kratisch und humanistisch eingestellten Menschen bewohnt, die sich aktiv und offen gegen Rassismus, Sexismus, Unterdrückung stellen.“

    Die hier so genannten „Rechtspopulisten“ sind demokratisch (einschliesslich für Volksabstimmungen wegen den hier mehrheitlich demokratisch und humanistisch eingestellten Menschen), Abschaffung der GEZ, gegen Meinungsdiktatur, humanistisch und für die Freiheit. („Rassen“ kennen nur die Linken, deshalb wird dieser Begriff immer wieder gerne von denen in jedem zweiten Satz eingeworfen wird.)

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  3. Während der türkische Minister heute in Köln für den Umbau einer einst laizistischen Republik in eine islamofaschistische Führerdiktatur werben darf legt der Chef daheim nochmal nach, redet von „Nazi-Praktiken“, und fordert, deutsche Behörden sollten „wegen Unterstützung und Beherbergung von Terrorismus vor Gericht gestellt werden“.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/recep-tayyip-erdogan-wirft-deutschland-handlungen-wie-in-der-nazi-zeit-vor-a-1137389.html

    Merkel schweigt und will das Problem wie immer aussitzen, während Gabriel fleissig die deutsch-türkische Freundschaft betont. Widerlicher und zahnloser geht kaum. Es gibt keine deutsch-türkische Freundschaft, höchstens gemeinsame Interessen und Abkommen. Und genau diese faulen Abkommen machen uns jetzt zum Steigbügelhalter einer Diktatur.
    Wenn selbst die liberalste Gesellschaft Europas (die Niederlande) solche Auftritte untersagt sollte uns das zu denken geben. Dort funktioniert die türkische Nazi-Keule nicht, und wir sollten genauso handeln.
    Spätestens wenn Erdogan mit seinem Referendum gewinnt wird es Zeit, die doppelten Staatsbürgerschaften aufzulösen. Dann können sich die Türken hier entscheiden, ob sie zu Deutschland oder zur Türkei gehören wollen.

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  4. Nur weil Erdogan und seine osmanischen Braunhemden grade rumspinnen, müssen wir da nicht mitmachen. Wir können es uns sehr wohl leisten, unsere Grundwerte zu behalten. Grosse Gesten Richtung Türkei wären Zeitverschwendung. Das Problem ist die dämliche Flüchtlingspolitik Berlins. Wahrscheinlich wäre es weniger Stress, wenn wir die 2 Millionen Syrer einfach vorübergehend aufnehmen (Oder wenigstens anständige Unterkünfte in Griechenland hinstellen), und die Türkei dafür ein wenig boykottieren. Wenn die Wirtschaft einknickt, ist Erdogan schnell weg vom Fenster.

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