Den Haag, Mondrian und die Industrialisierung des Geistigen

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Die Stadtverwaltung von Den Haag hat sich, in Erinnerung an einhundert Jahre „De Stijl“ Design, ein Mondrian Makeover zugelegt. Das sieht wirklich hübsch aus an der weissen Rathausfassade, schwarze Balken und Primärfarbenflächen aus Kunststoff­klebefolien. Und die Halbmillionenstadt konnte sich die Appropriation eines der zentralen 20th-Century-Maler sogar leisten. Weil der gute Piet eben 1944 final den Pinsel weggelegt hat, und deswegen das Urheberrecht an seinem Werk im Jahr 2014 ausgelaufen ist.

Und weil es in diesem Fall keine Zusatzkonstruktionen gibt, keine Lex Mickymaus und keine GEMA, die für die Benutzung von gedruckten Notenblättern jahr­hunderte­alter Standardsinfonien noch massive Lizenzgebühren einhebt. Und keine Erben­gemeinschaft, die herumprozessiert, ob der noch ein paar Jahre länger lebende Assistent nicht etwa den Werkschutz auf 2020 ausgedehnt hätte (kam alles schon vor). Urheberrecht, irgendwann mal als Schutz der Künstler festgeschrieben, ist heute eine Wirtschaftsform, die mit Kreativität und Bereicherung unserer Kultur nichts mehr zu tun hat. Was, wenn der posthume Werkschutz wegfiele, oder grundsätzlich wie bei Patenten nur für 20 Jahre gälte? Richtig, dann hätten die Rolling Stones keine Rente, aber das ist ein allgemeines Problem unserer Gesellschaft, die sich zwar an den Kulturschaffenden geistig bereichert, dann aber nicht für deren Unterhalt aufkommen möchte. Selbst die Künstlersozialkasse, deren Vorzüge auch der sehr bescheidene Autor dieser Zeilen geniesst, bedeutet für das Gros der Kreativschaffenden eine Einbahnstrasse in die Altersarmut. Schön jedenfalls, dass Mondrian die niederländische Nordseestadt so bereichert. Noch schöner, wenn uns diese ästhetische Gelegenheit dazu ermuntern könnte, geistige Rechte wieder den Werkschaffenden zuzuordnen statt sie als kaum kontrolliert wuchernde Geschäfts­grundlage für die Rechteindustrie zu dulden.

guardian, faith is torment, pics Stadt Den Haag

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1 Kommentar

  1. Gar nicht schlecht: nicht ganz gleichfoermige Fassaden mit Sektionen von klaren Farben – aber nicht das ganze wirr coloriert. Das macht einen Unterschied zu den manchmal konfusen Gebaeudefronten von Hundertwasser.

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