Chikan: Sexuelle Belästigung als Volkssport (für Männer)

Was an allen Diskussionen über sexuelle Gewalt, Belästigung, Vergewaltigung auffällt: Immer sind die Täter sehr, sehr anders als das Gros der Männer. Zumindest, wenn man dem Gros der Männer zuhört. Entweder Ausländer (sehr beliebt sind derzeit Nordafrikaner) oder zumindest Geisteskranke. Perverse. Keine normalen Männer eben. Die offiziellen Zahlen (Polizeistatistik) widersprechen dieser Sicht sehr eindeutig: Nach wie vor wird in Deutschland jede Stunde eine Frau vergewaltigt, alle paar Minuten belästigt. Da ist Japan schon beinahe einen Schritt weiter.

Dort hat sich in der Vergangenheit als (männlicher) Volkssport Chikan etabliert, das man in etwa mit „Befummeln“ oder „Begrabschen“ übersetzen könnte. Wobei es nach Zeuginnenaussage eben nicht beim Anfassen von Hinterteilen bleibt, sondern mit zählbarer Regelmässigkeit bis zum Finger in der fremden Vagina geht. In den überfüllten Zügen Japans gehört Chikan zum Alltag. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es auch unmöglich, öffentlich darüber zu sprechen. Glücklicherweise halten sich junge Japanerinnen nicht an die Scham-Etikette, sondern organisieren sich und zwingen die Behörden und Betreiber der Zuglinien, sich dem Problem zu stellen. Es gibt inzwischen reine Frauenwaggons, Polizisten nehmen Anzeigen tatsächlich entgegen und Aufklärungskampagnen bringen Männern bei, sich zu benehmen.

Dabei haben Umfragen ergeben, dass über 70 Prozent aller japanischen Schüler­innen diese bittere Erfahrung machen mussten. Genauere Umfragen haben zudem die gerne gehätschelte Vorstellung von der provokanten Kleidung zerstört. Das Bild oben zeigt ein die Riskoverteilung: Kleine Mädchen (Kinder) und schüchterne Schülerinnen (links im Bild) werden am häufigsten belästigt, Frauen in selbst­bewusster, provokanter Kleidung so gut wie nie. Opfer werden also Kinder und Frauen, die anzunehmender Weise keine Gegenmassnahmen ergreifen. Auch hier muss man die eigentlich sehr traditionell orientierte japanische Gesellschaft anerkennen: Hier wird das Problem ausgesprochen und mit Lösungsanstrengungen adressiert. Auffällig ist allerdings, dass die öffentliche Wahrnehmung dieser Anstrengungen so zögerlich bleibt. Hierzulande etwa hört man wenig davon. Da ist also noch Raum für Verbesserungen.

aljazeera, pic via nakashima723 via rocketnews24

5 Kommentare

  1. Das Phänomen ist interessant. Ich glaube aber, dass diese Kultur so weit weg ist, dass ich es nicht verstehe.
    Würde gerne die Meinung von einer in Japan aufgewachsenen Frau dazu hören.

    In Tokyo gibt es spezielle Zugabteile, in die nur Frauen dürfen. Auf den Bahnsteigen wird vor Grapschern gewarnt.
    Ich nehme an, dass es ein Stadtphänomen ist.

    Auch Jungs werden Opfer:
    http://en.rocketnews24.com/2017/03/12/chiba-police-hunting-for-serial-attacker-who-puts-finger-in-teenage-boys-mouths/
    In DE wäre das eine Vergewaltigung und würde nicht unter 2 Jahren Haft bedeuten. Ob das angemessen ist halte ich für debattierbar.

    Japan hat glaube ich die niedrigste Kriminalitätsrate der Welt, führt aber dennoch Hinrichtungen druch. Das sollte man auch Erwähnen!

    Eventuell ist es kein Problem, aber wer männlich ist, wird wahrscheinlich schon mal über das ein oder andere Spycam-Video gestolpert sein. Entweder es kommt nicht oft vor oder es wird wenig darüber berichtet.

    Und zum Schluss einen Anime-Tipp, weils so ähnlich klingt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kodomo_no_Jikan
    Himmlisch!!!

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  2. Ich moechte Fritz nicht ganz ohne Einspruch sein altes Steckenpferd von der „Schlechtigkeit der Maenner“ reiten lassen.
    Es sind gerade in den letzten Tagen wieder Berichte von Lehrerinnen aufgetaucht, die mit minderjaehrigen Schuelern ins Bett gingen – und das Hauptproblem in dieser Richtung ist, das wohl nur 5% aller Faelle (wenn so viele) ans Licht kommen.
    Was bei beiden Geschlechtern die staerkste Anziehung fuer Missbraucher hat, ist Hilflosigkeit – oder auch nur der Eindruck davon. Der Unterschied ist nur: Bei Frauen ist es der Eindruck, den sie machen – bei maennlichen Opfern der Spott, den sie ernten.

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  3. Nein, die Antwort auf das Problem der sexuellen Gewalt durch Männer ist nicht „aber es gibt auch Frauen, die..“, sondern: Männer sollten anfangen, sich wie Erwachsene zu benehmen und deswegen aufhören, Frauen, Kinder und andere Männer mit sexueller Gewalt zu bedrängen. Gewalt ist das, wo es kein gegenseitiges Einverständnis gibt. Eigentlich war das doch klar, nicht wahr?

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    • Die Tiere hast du vergessen, Fritz.

      Nein das ist nicht klar. Wir können das gerne ausdiskutieren:
      Gewalt ist damit vom Betrachter abhängig und dessen Weltanschauung.
      Wenn der attraktive Mann mit IQ von 70, das süße Schoßhündchen, die demente Frau oder der frühreife 13 jährige Knabe verführt werden und verführen und es zum erotisch sexuellen Kontakt kommt, wo sollte in einem oder allen Fällen keine Einverständnis vorgelegen haben?

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      • Nein, laber nicht rum. Gewalt ist nicht vom Betrachter abhängig. Und Verführung ist auch was anderes als Gewalt. Was ist am Konzept „Einverständnis“ bloss so schwierig? Klarer wirds anscheinend für viele erst, wenn sie selber betroffen sind. Tja.

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