Die USA, ein Entwicklungsland und Vorbild für den Rest der Welt

Der US-Ökonom Peter Temin, Professor am MIT, beschreibt in seinem neuen Buch „The Vanishing Middle Class: Prejudice and Power in a Dual Economy“ einen Vorgang, der seit einigen Jahrzehnten nicht nur in den USA, sondern in allen Industrieländern stattfindet: Die Teilung eines eigentlich reichen Landes in ein produktives, von gut verdienenden Spezialisten bewohntes – und ein armes Entwicklungsland mit Arbeitern im Agrar- und Dienstleistungssektor.

Temin sieht die FTE-Branchen (finance, technology, and electronics) und ihre „Bewohner“ bei etwa 20% der USA-Bevölkerung. Die anderen 80% leben in einem Land ohne wirtschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten, ohne reelle Bildungsschancen und Gesundheitsversorgung und ohne Gerechtigkeit in einer real existierenden Zwei-Klassen-Justiz. Die Wut der von Armut bedrohten weissen Unterschicht wird in Rassimus umgewandelt und dient dazu, den Reichtum der FTE-Bevölkerung auf Kosten aller anderen noch zu vermehren.

Der MIT-Wissenschaftler stützt sich dabei auf die Vorarbeit des karibischen Ökonomen W. Arthur Lewis, der das nach ihm benannte Lewis-Modell aufgestellt hatte, um die prekäre Situation der Entwicklungsländer der Nachkriegszeit zu beschreiben. Heute wird dieselbe wirtschaftliche, politische und kulturelle Apartheid innerhalb der Industrieländer angewendet – hierzulande zuletzt durch die Agenda 2010 und die Umwandlung des Sozialstaates in ein Hartz-IV-Regime, das den Mittelstand erodiert und in einen Billiglohnsektor umwandelt.

Noch ist der Anteil des Prekariats an der Gesamtbevölkerung in Deutschland nicht so hoch wie in den USA, aber wir erleben bereits dieselben Medienkampagnen, um die Frustration der Abgehängten in Fremdenhass und Angst vor einer Bedrohung von Aussen umzuwandeln. Die AfD ist also auch hierzulande ein Instrument der wirtschaftlich starken, um eine wirksame Opposition gegen den gesellschaftlichen Umbau zum Zwei-Klassen-Land zu verhindern.

Eine Protestwelle wie 2011, als vor den Banken Frankfurts und anderswo zehntausende gegen die Wirtschaftspolitik der „1%“ (oder des FTE-Sektors, hier einschliesslich Medien-, Chemie und Fahrzeugindustrie) auf die Strasse gingen und die laut Grundsatzprogramm antifaschistische, feministische und egalitäre Piratenpartei in Umfragen bis zu 13% Zustimmung erhielt, soll es daher auch hierzulande nie mehr geben. Zumindest nicht, wenn es nach dem Willen derjenigen geht, die von der Zweiteilung des Landes profitieren. Alle anderen können sich ja inzwischen überlegen, wie es weitergehen soll.

ineteconomics via kottke, pic Albert Duce cc by sa

1 Kommentar

  1. Bzgl. blockupy:
    das muss damals echt bedrohlich für die eliten gewesen sein, wenn sie seit dem soviel mühe darein investieren jeglichen aktivismus in andere gräben als reich vs. arm zu lenken (schwarz vs. weiss, schwul/trans vs. hetero, feminismus vs. konservative)

    Gefällt mir


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