Schluss mit dem Rumgetue: Nichtwähler sind Schluffis

Weil das immer noch nicht klar zu sein scheint: „Warum genau soll ich wählen gehen? Ist das nicht sinnlos? Sind Politik und Parteien denn nicht das Problem statt der Lösung?“ Hallo? Gehts noch? Ich will das mal in kurzen Worten erklären. Wir leben hier in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat, also mit mehr Freiheit, Rechtssicherheit und Mitbestimmung ausgestattet als in fast allen anderen Ländern. Und dafür, dass wir diesen zivilisatorischen Luxus geniessen, haben Menschen gekämpft und ihr Leben verloren. Ok:

„Aber warum genau soll ich wählen? Die Politiker(tm) machen sowieso nie, was ich will!“ Na klar, weil in einer Demokratie die grossen Entscheidungen in den Parlamenten getroffen werden. Und alle 28,5 Prozent Nichtwähler (Bundestagswahl 14) zusammen keinen Einfluss nehmen. Die von falschen Hoffnungen und Versprechungen geleiteten Wähler der Weiter-So-Parteien irgendwie auch nicht, aber das ist ein anderes Kapitel. Ja, die Medien spielen eine grosse Rolle, und unglücklicherweise sind die meisten im Besitz alter deutschen Geld-Dynastien.

Egal. Aber warum gewinnen die Anderen(tm) immer und Wir(tm) nie? Ganz einfach: Weil sich die anderen um ihren Scheiss kümmern und wir nicht. Was heisst hier „sich um seinen Scheiss kümmern“? Erstmal, ja, wählen. Aber eben auch nachprüfen, ob unsere Vertreter auch das machen, was wir von ihnen erwarten (oder gleich selber Volksvertreter werden, aber das ist ein ziemlich nerviger Job). Ansonsten checken wir ja auch, ob Leute, denen wir Verantwortung für wichtige Entscheidungen geben, ihren Job auch wirklich liefern. Wie checken wir das? Indem wir die Abstim­mungs­ergebnisse im Internet nachlesen (nicht die Interviews) und anschliessend dem Volksvertreter und allen anderen erklären, dass man sie nicht mehr wählt. Und dann nächstesmal auch wirklich jemand anderen wählen. Und je mehr Leute das so machen, desto deutlicher wird, was viele von uns nicht realisieren: Dass dieses ganze demokratische System eine ziemlich wacklige Angelegenheit ist. Und weil sich so ein System gerne selbst stabilisieren möchte (weil es sonst zusammenbricht), muss man nur fest genug an einer Ecke draufdrücken, und schon bewegt sich was. Deswegen braucht man auch keine Mehrheit, um die grossen gesellschaftlichen Entscheidungen mitzubestimmen.

Also überlegen wir uns, jeder für sich, was für uns wichtig ist. Was wir haben wollen. Was passieren soll. Das dürfte sich bei den meisten ungefähr so anhören: Ich will meine Ruhe haben, keinen Stress mit Behörden, weniger Stress mit der Kohle, weniger Einschränkungen, mehr Gerechtigkeit (auch die Reichen sollen Steuern bezahlen). Keiner von uns will, dass weiter, wie letztes Jahr, 45% der neuen Arbeitsverträge als Zeitverträge abgeschlossen werden. Was die Arbeitenden noch mehr unter Druck setzt. Oder dass inzwischen ein knappes Drittel der Bevölkerung im Prekariat lebt: Unsichere Arbeitsverhältnisse, Hartz4, Zeitarbeit, Leiharbeit, Aufstocker, Mindestlohn. Von 900 netto kann man in einer Grosstadt nicht mehr leben. Ausser man schaltet auf Unterschicht um. Keiner von uns will eine Unterschicht, die 30% der Bevölkerung umfasst, Tendenz steigend. Keiner von uns will, dass zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (alle verkauften Waren und Dienstleistungen) unversteuert in Offshore-Briefkästen liegen. Keiner von uns will, dass untere und mittlere Haushalte (alle ausser den Reichen) inflationsbereinigt seit 30 Jahren keine Einkommenssteigerung hatten, während unsere Wirtschaft munter vor sich hin blühte. Der Profit liegt dann in den erwähnten Offshorebriefkästen. Und von uns wer will, dass für diese Misere dann Kriegsflüchtlinge (einschliesslich unserer Wirtschaftskriege) verantwortlich gemacht werden? Oder Frauen, Homo­sexuelle, Andersdenkende? Oder die Demokratie im Ganzen?

Deswegen übernehmen wir auch Verantwortung für unser Leben und nutzen alle 4 Ecken der demokratischen Mitbestimmung, nämlich Wählen, privat seine Meinung sagen, öffentlich seine Meinung sagen („Medien“), und notfalls auf die Strasse gehen (mit Streik oder ohne), um unseren Forderungen Schwung zu geben. Wenn wir das nicht tun, dann sind wir brave Untertanen, lassen uns rumschubsen und sagen dabei jedesmal „Danke!“. Kann jede(r) machen, wie er will. Der Witz mit „Wenn Wahlen etwas bewirken würden, wären sie verboten“ ist mässig lustig und nützt nur den Mächtigen, weil sie die Machtlosen vom Mitbestimmen abhält.

Und weil das auch schon klar ist: Ja, ich wähle und unterstütze genau deswegen die Linke, weil sie eben die progressivste Partei im Bundestag und in den Landtagen ist und in vielen Punkten genau so abgestimmt hat, wie ich das richtig finde. Mir ist übrigens egal, ob irgendein Linker irgendwann irgendetwas gesagt hat, was ich nicht mag. Darum geht es nicht. Jeder darf lustige Meinungen haben. Das gehört zur Freiheit. Letztlich geht es nur um die grundsätzlichen Fragen (siehe oben): Es soll uns allen besser gehen, nicht nur einigen wenigen.

pic von Erich Greifer, pd: Am 9.11.18 wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Von Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht. Ohne Kaiser, dafür mit Frauenwahlrecht.

11 Kommentare

  1. Was auch immer geschieht:
    Nie dürft ihr so tief sinken,
    von dem Kakao,
    durch den man euch zieht ,
    auch noch zu trinken.
    (Erich Kästner)

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  2. „Ja, ich wähle…..die Linke, weil sie eben die progressivste Partei im Bundestag ist…….“
    Ja Fritz, mit der Partei wirst Du mal eine „Rente mit Niveau“ bekommen. Steht zu mindestens auf den Plakaten.
    „Respekt – die Linke – Renten mit Niveau“

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    • Keine Roboter, die mich mit Eiskrem füttern? Versprochen?

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      • So wie ich weiß, bist Du noch ein junger Hüpfer und wirst um die fütternden Roboter nicht herumkommen. Das ist ziemlich sicher.

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        • Du hast sicher recht. In neun Jahren erreiche ich meine Regelaltersgrenze, also den Rentenbeginn (hab eben nachgesehn), dann sind die Robos garantiert schon am Start.

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          • „Regelaltersgrenze, also den Rentenbeginn…..“
            Uns wo setzt Du den an?
            Ich hab Dich immer so um die „Ende 30“ eingeschätzt.
            Aber damit scheine ich wohl daneben zum liegen.
            Aber auch in 9 Jahren wird es von Robotern nur so herumschwirren.

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  3. Neenee, Baujahr 60, also Renteneintritt mit 66, eben in 9 Jahren. Und ja, in meinen jungen Jahren war ich Jedi und lebe inzwischen zurückgezogen auf Tatooine.

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    • Und wer zahlt Dir auf Tatooine Deine Rente?

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  4. „Jeder darf lustige Meinungen haben“ – der Satz gilt natürlich vor allem dann, wenn die Meinungen von der eigenen abweichen. Finde ich gut, dass Du das so siehst – viele Leute von beiden Seiten des politischen Spektrums vergessen das allzu gerne.

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  5. toll dann wurden die nichtwähler plötzlich zu AfD wählern.. und wir idioten haben alle zum wählen aufgerufen..

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    • „…..und wir idioten haben alle zum wählen aufgerufen..“
      Genau so ist es!!!!!
      Die „Nichtwähler“ wurden ja besonders von Fritz – wenn man von diesem Block spricht – gleich in die Vorhalle verfrachtet, wenn sie nicht wählen gehen würden – so dass sie ein schlechtes Gewissen bekamen und wählen gingen.
      Es ist mir sowieso schleierhaft, mit was für lächerlichen Aussagen die verschiedensten Parteien vorgingen, Stimmen zu fangen.
      Man hat den Bürger unterschätzt. Jetzt habt ihr den Salat!
      Der „Deutsche Michel“ scheint wirklich seinen Dauerschlaf aufgegeben zu haben.
      Das werden “ interessante“ 4 Jahre – wenn überhaupt.

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