Der Kapitalismus, ein Papiertiger

Die heutige weltweite wirtschaftliche Situation hat unübersehbare Nachteile: Armut für die einen, BurnOut für die anderen. Die lachenden Dritten erhalten die Profite daraus. Kann man das ändern? Muss man dann den Sozialismus einführen? Ist dann alles wie damals in der Sowjetunion? Mal ausführlich und der Reihe nach:

Ja, das muss man ändern. Genau für den Fall, dass Einzelne zuviel Besitz, Macht und Einfluss an sich reissen, ist auch die Demokratie erfunden wurden. Die übrigens glänzend funktioniert, wie man sehr schön daran sehen kann, wie problemlos und effektiv die erwähnten Einzelnen ihre Interessen vertreten lassen.

Aber wie ist das mit dem Sozialismus? Muss der eingeführt werden? Mit womöglich schrecklichen Folgen? Nein, natürlich nicht. Zum Teil deswegen, weil unser Wirtschaftssystem (und darum geht es hier) bereits signifikante Anteile von Sozialismus enthält: Der öffentliche, nicht gewinnorientierte Sektor (Verwaltung, Infrastruktur, Verkehr etc) stellt eine enorme Menge an Arbeitsplätzen bereit und hat auch nach dem Ausverkauf der grossen öffentlichen Betriebe (Post, Bahn, etc) noch zentrale wirtschaftliche Bedeutung. Zum andern Teil aber schon: Wirtschaftlich bedeutende, aber riskante Branchen müssen unter öffentliche Aufsicht gestellt werden, damit Schaden für die Allgemeinheit vermieden werden kann. Dazu gehören die Banken oder die Energienetze und andere Einrichtungen der Daseinsvorsorge, die Bildung und der Sozialbereich.

Ja, aber, ist mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion denn nicht bewiesen worden, dass Bürokratie und Planwirtschaft dem freien Markt unterlegen sind? Nein, natürlich nicht. Zum einen, weil die Sowjetunion an der Schwäche ihres politischen Systems gescheitert ist, nämlich der Diktatur. Weil sie ein autoritäres und nicht an der persönlichen Freiheit orientiertes System darstellte, war sie, politisch gesehen, ja auch „rechts“ und nicht „links“. Bürokratie und Planwirtschaft haben wir übrigens im „Westen“ auch – es geht ja auch gar nicht anders, weil der „freie Markt“ nur auf Dinge reagieren kann, die bereits passiert sind, nicht auf Entwicklungen in der Zukunft. Dafür muss man eben planen.

Also schaffen wir den Kapitalismus ab, oder? Nicht so schnell: Was uns heute als „Kapitalismus“ verkauft wird, sind eigentlich mehrere Dinge unter einem gemeinsame Oberbegriff. Zum einen die „Herrschaft des Kapitals“, also die Einflussnahme bereits vorhandener, nicht erwartschafteter Finanzmittel auf den „freien Markt“, wie sie von den grossen Theoretikern des 19. Jahrhunderts beschrieben wird. Das ist grundsätzlich problematisch, weil es dazu führen würde, dass früher oder später einige wenige 100% aller Dinge besitzen. Das haben wir heute noch nicht erreicht, steuern aber direkt darauf zu. Zum andern ist damit das Konzept des Profitstrebens gemeint, das nach den früh-liberalen Autoren die Grundlage allen menschlichen Tuns wäre, was dann im Umkehrschluss auch das Recht auf Ausbeutung anderer begründet. Was ebenfalls problematisch zu sehen ist. Und drittens beschreibt das Wort „Kapitalismus“ die selbstorganisierte, nicht staatlich oder durch Konzernstrukturen geregelte Verteilung von Gütern und Dienstleistungen. Dieser Teil, nennen wir ihn mal „Gewerbefreiheit“ hat sich allerdings in der Geschichte der Menschheit gut bewährt. Immer vorausgesetzt, das Alles findet im Rahmen von allgemeinen Regeln statt.

Das bedeutet: Von dem, was wir heute als Kapitalismus bezeichnen, kann man den Teil „Gewerbefreiheit“ prima weiter verwenden. Die Einflussnahme von Finanzmitteln („Kapital“) auf die Realwirtschaft müssen wir dagegen zurückschrauben, eben so wie das „Recht auf Ausbeutung“. Beides in den Griff zu kriegen, ist gar nicht so schwer, der Trick ist Jahrtausende alt, wird aber trotz seiner Zuverlässigkeit nicht immer ausreichend angewendet: Steuern. Sobald wir Dinge wie Wertschöpfungssteuer (man bezahlt in Abhängigkeit vom Umsatz, nicht vom Gewinn, allerdings nur einen sehr niedrigen Satz) oder progressive Unternehmenssteuern (sowas wie progressive Einkommenssteuer), progressive Grund- und Erbschaftssteuern einführen, dürften sich eine ganze Reihe negativer Eigenschaften des „Kapitalismus“ erledigen.

Einfach wird das nicht, Demokratie hin oder her, weil die heute weltweit führenden Egos sicher nichts abgeben wollen. Aber genau darum gehts. Darum, dass es – in einfachen Worten – allen gutgeht, nicht nur wenigen. Und nicht um Worthülsen.

Das schöne Papiertigerbild oben stammt aus dem grossartigen NoMatter Projet, in dem eine Künstlergruppe vor 9 Jahren 40 Objekte sowohl in der Onlinewelt Second Life als auch in unserem Meatspace herstellte, cc by nc nd

2 Kommentare

  1. Nun, es gibt noch einen dritten Weg, um in eine gerechtere Welt zu wechseln: den bewussten Verzicht. Damit meine ich keine verklärte öko-philosophische Sicht auf das Gute im Menschen und die damit assoziierten Klischees. Sondern eine faktisch schmucklose Lösung zum Problem der Gier, die in jedem Menschen angelegt ist. Steuern im damit verbundenen rechtlichen Kontext können Finanzeskapaden nicht verhindern – dazu ist Recht zu biegsam. Schweizer Konten, Panamapapers, Steueroasen, Stiftungen – alles an der Steuer vorbei. Das Mittel zur Steuervermeidung ist wandelbar, gerade weil dadurch große Ersparnisse winken. Bewusster Verzicht lässt sich auch mit DEM Wachstumsmotor der Kapitalgesellschaft – dem Kreditwesen – vereinbaren. Verzicht ist außerdem eine moralisch motivierte Größe, die Gesellschaftsfähig ist. Und wie soll Verzicht konkret funktionieren ? Ganz einfach: Budgets werden nicht jährlich hochgeplant sondern es gibt die Zielvorgabe der gesunden Erhöhung bis zur Reduktion. Organisches Wachstum vs Zinseszins und Hebelzertifikaten. Wir leben immer noch in der Zeit des Missverständnisses, dass nur stetiges Wachstum Stabilität garantiert. Das wird vorgebetet und allgemein akzeptiert. Und dazu kommt die Angst: wenn wir nicht an der Spitze stehen dann überholen uns die anderen. Nein. Stetiges Wachstum ist nicht nachhaltig. Der Dieselskandal ist eine Folge von Wachstum um jeden Preis im Druck des Wettbewerbs. Die Staatsverschuldung, welche stetiges Wachstum und Inflation erfordert ebenfalls.

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    • Find ich super, dass du die erfolgssüchtigen 1% persönlich überzeugen willst, auf materielle Werte zu verzichten und statt dessen gemeinschaftsorientiert zu denken. Schreib doch mal gelegentlich was über deine Ergebnisse.

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