Die Bildungs-Lüge

Bildung garantiert beruflichen und privaten Erfolg. Bildung löst alle wirtschaftlichen und kulturellen Probleme. Wir hatten gerade Bundestagswahl und die Vertreter so gut wie aller Parteien erzählten uns genau das. Tun sie sonst auch, weltweit, nur vor Wahlen besonders enthusiastisch. Nun haben Soziologen in den vergangenen Jahren in mehreren grossangelegten Studien (dh viele Teilnehmer bzw untersuchte Fälle) untersucht, wie denn nun wirklich der Zusammenhang zwischen erworbener Bildung und später erzieltem Einkommen aussieht. Überraschung:


Die Grafik von Jesse Rothstein (Professor of Public Policy and Economics, Director, Institute for Research on Labor and Employment (IRLE) University of California, Berkeley) zeigt die Auswertung einer solchen Studie. Sie sagt uns: Ja, Bildung spielt eine Rolle für zukünftigen wirtschaftlichen Erfolg jenseits des Mindestlohnniveaus. Aber nur zu 12 %. Einem Achtel. Der Rest? Der Ruf der Schule/Uni, die man besucht hat (16 %), regionale Gehaltsunterschiede (31 %), andere Einkommensquellen (36 %). Andere Einkommensquellen ist der Euphemismus für „alles, was man nicht durch Arbeit verdient“, also Erbschaften und so. Drei mal so wichtig wie Bildung.

Also: Erzählt mir keinen Scheiss mehr über Bildung. Ja, sie ist ein Quasi-Grundrecht. Nein, wenn’s um verdammte wirtschaftliche Sicherheit geht, spielt sie so gut wie keine Rolle. Das mit dem Kapitalismus ist völlig aus dem Ruder gelaufen, Leute. Ein einziges grosses Missverständnis. Gerade, weil ja beides, Bildung und Ausbeutung, aus der selben Quelle kommt: Aufklärung. Als man nämlich auf die Idee kam, dass alle Menschen die gleichen Rechte hätten (nicht nur adlig Geborene) und Leistung wichtiger für Erfolg sein sollte als Abstammung, verklebten sich die beiden bürgerlichen Emanzipationsideen (Gleichberechtigung und Leistung) auf unselige Weise. So dass wir heute mehr oder weniger dieselbe Situation haben wie vor 300 Jahren. Nur mit mehr Bildung, was ja bereits ein grosser zivilisatorischer Erfolg ist.

Der „Vorsprung durch Abstammung“ ist aber im Lauf der Jahre wieder grösser geworden. So gross, dass er die Gleichberechtigung mittlerweile aufhebt: Egal, wie sehr du dich anstrengst, du wirst diesen Vorsprung nie einholen (immer vorausgesetzt, du hältst dich an die Gesetze). Also müssen wir hier nachjustieren. Die Basis unserer modernen Zivilisation, nämlich die gleichen Rechte für alle, wieder mehr betonen. Das wird eine Riesenarbeit, weil ja alle, die heute bereits einen Vorsprung haben, plus alle, die den auch gerne hätten, gegen gleiche Rechte sind. Macht nichts, weil die beiden erwähnten Gruppen ja weniger sind. Als die Mehrheit der Bevölkerung. Und weil wir zunächst gar kein tolles utopisches kommunistisches Ideal verwirklichen müssen (können wir später immer noch), sondern erst einmal dafür sorgen, dass die Benachteiligung der Nicht-Reich-Geborenen deutlich geringer ausfällt, als sie das heute tut. Mein Weg dorthin (ihr könnt das anders machen) ist, mich mit anderen zusammen zu schliessen. In einer Partei oder in Bürgerbewegungen. Mit genau diesem Ziel der Gleichberechtigung.

Inequality of educational opportunity? via atlantic, pic cc0 pexels

17 Kommentare

  1. Fritz, meinst Du Bildung oder Wissen?

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  2. Wow! So erregt vorgetragen. Ist dir das erst jetzt klar geworden?
    Studien und zusammenfassende Schlussfolgerungen wie diese gibt es mittlerweile schon seit mehr als 30 Jahren.
    Geändert hat sich seitdem nichts, im Gegenteil, wurde früher zumindest noch wert darauf gelegt einigermaßen Soziale Kompetenzen zu vermitteln und einigermaßen Gleichheit herzustellen, so sind heutige schulen fast nur noch zu Pauk-Anstalten (nach den Mustern von vor den 70ziger Jahren) verkommen in denen die Schüler heillos zerrieben werden (im Zuge dessen auch das Lehrpersonal).
    Denen das lernen leicht fällt und denen die sich gute (oder überhaupt) Nachhilfe leisten können dürfen weiterkommen – alle anderen werden unter die Räder geworfen.
    Das „Gesocks“ der Privilegierten kommt per Freischein via Geburt mehr oder weniger automatisch weiter, Beruflich sowie auch dem Leben allgemein, während alle anderen sich um die zukünftigen Vasallen-Aufstiegsmöglichkeiten-Stellen (also den Stellen unter dem Gesocks) schlagen dürfen. Die, welche sich dann als besonders gut angepasste Stiefel-lecker hervortun kommen dann in Positionen (Privatunternehmerisch wie auch Politisch) in denen sie das Normalvolk (Vieh) unten sowie in Schach halten dürfen für die Privilegierten.

    Es gibt im Prinzip nur eine einzige Möglichkeit dieses System zu durchbrechen und das wäre wenn man die Möglichkeit des Erbens extrem einschränken würde.
    Heißt: nach dem Tod ist Schluss. Die Nachfahren der Zieleinläufer müssen zurück auf LOS und kassieren ein angemessenes Startgeld.
    Jeder Erbe bekommt also einen gewissen Anteil zugesprochenen (sagen wir der Einfachheit halber bei 500 T pro Nase ist Schluss), der Rest des Vermögens geht in die Gemeinschaft über (also der Gemeinschaft, aus der und mit deren Hilfe sich der angehäufte Reichtum Kumulierte). Sprich: es muss das Konkurrenzfeld immer wieder neu geebnet werden. (Fast) gleiche Startbedingungen für jeden. Die welche die Möglichkeit hatten die „halbe Million“ zu erben haben dann sowieso die besseren Startbedingungen, nur wären die Abstände nicht mehr so exorbitant groß und unüberwindbar als das kein anderer mehr eine Chance hat.
    Im übrigen würde das auch den Ehrgeiz der Einzelnen (zum Vorteil der Gemeinschaft) anstacheln, weil zumindest eine echte Aussicht darauf bestünde zu den „Gewinnern“ zu gehören. Die Frage ist ja (Heutzutage im Besonderen): für was soll man sich großartig anstrengen und abrackern wenn Grundsätzlich die Gewinner von vornherein feststehen? Man also (egal wie sehr man sich anstrengt) immer nur die Aussicht auf die Reste, Krümel und Abfälle hat (Prinzip armer Erfinder: Der Erfinder ist fleißig und erfindet – – – -> Andere kassieren ab und leben in saus und braus).

    Sonderpreise = Löffel im Mund Fraktion (absolut ohne jedwede Eigenleistung vermögend ab Geburt)

    Plätze = 2-10 (Privilegierte von Gnaden der Sonderpreisträger = bekommen die Reste von deren Tischen)

    Feld = 11-50 (bekommen die Krümel von den Tischen von 2-10)

    Ferner liefen = 51 bis letzter Platz (bekommen in Abstufungen den Restmüll der Abfälle der Plätze 21-50)

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    • Tippfehler. Sollte heißen:

      Ferner liefen = 51 bis letzter Platz (bekommen in Abstufungen den Restmüll der Abfälle der Plätze 11-50)

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  3. Wie recht Du hast – knallbonbon !! Und ich bin so froh, dass ich in dieser Zeit weder zur Schule gehen muss – noch mich an einer Uni abplagen muss, um letztendlich in den Fussstapfen der Mainstream-Gesellschaft zu landen, um überleben zu können. +++

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  4. Ja, Knalli, wir hatten den Unterschied zwischen „das hab ich mir schon immer gedacht“ und „hier sind Zahlen, die belegen, was ich mir schon immer gedacht habe“ schon öfter.

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  5. Wo ich’s gerade erst lese: von welcher Art „erstrebenswertem“ Vorsprung reden wir hier? Etwa dem finanziellen, materiellen? Ich selbst definiere: Vorsprung ist nicht das Ziel. Das Ziel ist aus meiner (humanistischen) Sicht: Konkurrenz (Kampf um mehr Vorsprung) durch Kooperation (kein Kampf, sondern Zusammenarbeit) zu ersetzen. Konkurrenz anstacheln ist aus meiner Sicht Öl in’s Feuer gießen, ganz im Dienste des Neoliberalismus (Krebsgeschwür der Gesellschaft). Wie hat Mausfeld das am Sonntag passend kommentiert: wir können uns das Universum besser vorstellen als eine Welt ohne Kapitalismus. Daher: machen wir uns mal darum Gedanken. Das „Ziel“ neu definieren. Macht mir echt Schwierigkeiten, ich muß Mausfeld recht geben. Also frage ich eure Hilfe an. Könnt ihr mir beim Modellieren einer neuen Welt helfen? Wer macht mit?

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    • Frag mal im Sandkasten bei dir ums Eck nach.

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    • Hallo Thomas, ich kann mich dem „rüstigen Rentner“ nur anschließen. Aber ich nehme an, dass wir beide aus dem romantischen Alter heraus sind, wo wir an Wunder glauben. Das heißt ich habe niemals an Wunder geglaubt auch nicht mit 17.
      Aber verstehen tue ich Deinen Traum.

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      • Ich rede nicht von Wundern. Ich rede auch nicht davon, daß diese Welt noch zu retten ist. Ich rede aber davon, daß ich den Rest meines Lebens nicht depressiv und tatenlos verbringen will. Auch wenn uns der ganze Kram irgendwann um die Ohren fliegt: ich will kein Teil des Problems mehr sein, sondern zum Teil einer Lösung werden.

        Wartet mal ab, bis das Video vom Sonntagsvortrag von Mausfeld online ist. Schaut es euch an. Und dann überlegt, ob wir wirklich so wenig tun können (laut Mausfeld ist das genau das Ziel der Medienmanipulation, der Bevölkerung dieses Gefühl einzuimpfen, damit sie stillhält), oder ob wir dran arbeiten können, eine kritische Masse zu bilden, die dann eben doch was bewegen kann (was möglich ist, ungeachtet der gefühlt geringen Wahrscheinlichkeit, die nicht null ist).

        @Rüstiger Rentner: im Sandkasten werde ich vermutlich nur als Pädo verhaftet, obwohl ich keiner bin. Ist keine Option.

        Gruß

        Thomas

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      • Ich rede nicht von Wundern. Ich rede auch nicht davon, daß diese Welt noch zu retten ist. Ich rede aber davon, daß ich den Rest meines Lebens nicht depressiv und tatenlos verbringen will. Auch wenn uns der ganze Kram irgendwann um die Ohren fliegt: ich will kein Teil des Problems mehr sein, sondern zum Teil einer Lösung werden.

        Wartet mal ab, bis das Video vom Sonntagsvortrag von Mausfeld online ist. Schaut es euch an. Und dann überlegt, ob wir wirklich so wenig tun können (laut Mausfeld ist das genau das Ziel der Medienmanipulation, der Bevölkerung dieses Gefühl einzuimpfen, damit sie stillhält), oder ob wir dran arbeiten können, eine kritische Masse zu bilden, die dann eben doch was bewegen kann (was möglich ist, ungeachtet der gefühlt geringen Wahrscheinlichkeit, die nicht null ist).

        @Rüstiger Rentner: im Sandkasten werde ich vermutlich nur als Pädo verhaftet, obwohl ich keiner bin. Ist keine Option.

        Gruß

        Thomas

        edit: https://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=40044 ist gemeint, falls jemand sich wundert, von was ich da quake…

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        • @Thomas, ich weiß , was Du meinst denn Du hast Dich ja sehr präzise ausgedrückt. Auch ich sitze nicht tatenlos herum, sondern versuche auf meine Art etwas zu bewirken.
          Aber ich glaube nicht, dass sich genügend Menschen einfinden werden, um das Steuer herumzureißen.
          Ich habe z. B. ein Zitat von Henry David Thoreau an meinem Gepäckträger angebracht:
          „Ungehorsam ist die wahre Grundlage der Freiheit !“
          und Du glaubst gar nicht, wie viele Menschen mich daraufhin schon angesprochen haben, die von H.D.T. noch nie etwas gehört haben.
          Heute fuhr z. B. ein junger Mann langsam hinter mir her und ich wurde unruhig und blickte in meinen Rückspiegel. Er überholte mich und sagte: „Entschuldigung, ich wollte nur Ihren Spruch lesen.“
          Ich bin überzeugt – es bleibt immer etwas hängen.

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          • Daß Du das nicht glaubst, nehme ich Dir sogar ab. Ich mache aber mal weiter, wo Du den Spruch schonmal gebracht hast:
            „Ungehorsam führt in die eigene Verantwortung und in die Gesundheit“ -> http://www.rubikon.news/artikel/nur-mut
            Ganz aktuell: http://www.rubikon.news/artikel/machen-wir-es-selbst

            Und eine Textzeile aus einem nun schon etwas älteren Lied:
            „Du sagst, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und was ich sage ist vergeblich denn ich sag‘ es allein‘, doch wenn Dir stundenlang Wasser auf die Stirn tropft, wirst Du sehn: es kann die Hölle sein…“ (Such a Surge – Tropfen)

            Gerade gesehen, das Video ist erst am 2. November online, wie schon befürchtet: http://www.nachdenkseiten.de/?p=40761

            Gruß

            Thomas

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          • Die Möglichkeit, irgendetwas zu tun sehe ich immer noch in einem Generalstreik. „Alle Räder stehen still…“ – und dann wird Bewegung sein.
            Das große Problem ist die Diskussionskultur, die wertvolle Zeit und Kraft in Anspruch nimmt. Und es geht den Menschen noch nicht schlecht genug, als dass sie zusammenrücken und etwas bewegen wollten.

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          • @Frau Körb: ich sehe einen Lösungsansatz darin, permanent das Maul aufzumachen, vor Allem im Bekanntenkreis. Nicht jeder springt drauf an. Darauf sollte man sich einstellen. Aber unter’m Strich hat es Wirkung. Nennen wir es einen Erfahrungswert. Steter Tropfen höhlt den Stein funktioniert tatsächlich. Kläre Dich auf. Und dann trage die Botschaft weiter. Übe zivilen Ungehorsam, geht überall. Z.B. nicht mit Karte zahlen, sondern das Girokonto leerräumen und überall nur bar zahlen. Z.B. SoLaWi’s beitreten und sein Gemüse selber ernten (interessant für all die, die keinen eigenen Garten haben), anstatt Zeuch von weiß-der-Geier-woher beim Aldi oder Lidl kaufen. Äpfel und anderes Obst vom Baum klauen. Seine Pizza selber machen statt Fertigpizza kaufen. Mit dem Rad fahren statt für jeden Pups das KFZ zu bemühen. Gibt so vieles, die Liste ist sehr lang. Man muß nur damit anfangen, nur so kann man als positives Beispiel dienen, nur so kann man zeigen, daß was passiert. Selber machen.

            Mit Radfahrergruß

            Thomas

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          • Oh man – bin in der Zeile verrutscht, Antwort ist eins weiter unten…
            Grüße!

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  6. Natürlich richtig. Aber. Selbermacher stehen einem Heer von Bequemlichwoller gegenüber und das ist verdammt groß. Und erst, wenn es die Bequemlichmacher nicht mehr bequem haben können, weil zB beim LIDL keiner mehr arbeitet, genauso wenig wie an der Tanke oder im Umspannwerk, erst dann wird sich etwas bewegen. In deren Köpfen. Vielleicht.

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    • Ich gebe zu, daß ich die aktuelle Situation nicht einschätzen kann. Wie viele sind bereits aufgewacht? Hat sich die Menge deutlich gesteigert in der letzten Zeit, oder stagniert das? Mir fehlen Zahlen, um das wirklich beurteilen zu können.

      Was ich aber tue, ist, versuchen, die Zahl zu erhöhen. „Kritische Masse“ nennt man das in der Kernphysik, also die Menge Material, die nötig ist, um eine Kettenreaktion auszulösen. Sobald die überkritisch wird, läuft das Ding von alleine los, egal wie wenige es sind.

      Mach mit. Trau‘ Dich. Daß das nix bringt, ist eine Meinung, die uns systemisch eingeimpft wird, vor Allem durch die Medien (Jens Wernicke – Lügen die Medien? / Rainer Mausfeld – wie sich die verwirrte Herde auf Kurs halten läßt). In der IT gilt: Falsches wird nicht richtiger durch permanentes Wiederholen. In der Politik hingegen scheint das zu funktionieren. Dagegen hilft die gute alte Kant’sche Aufklärung.

      Ich bin jedenfalls dabei. Mach‘ mit. Gilt auch für die anderen.

      Gruß

      Thomas

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