Die eigentliche Magna Carta unserer Grundrechte

Die englische Magna Carta aus dem Jahr 1215 wird allgemein als erste Definition von verfassungsmässigen, bürgerlichen Grundrechten betrachtet. Leider nein. Das Dokument beschreibt ausführlich die gegenseitigen Rechte und Pfichten von König und Adel. Von wirklichen Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Arbeit bestreiten müssen, steht da nichts. Ganz anders in der fast zeitgleichen Charter of the Forest vom 6. November 1217 (800-Jahres-Partytermin knapp verpasst), wo die Rechte der Nicht-Adligen niedergelegt sind.

In jener Ära galt bis zu ein Drittel Südenglands als Königsbesitz, der nicht nur Wälder, sondern auch alle anderen Landschaftsformen umfasste. In diesen Ländern durften die freien Leute so ziemlich alles machen, was sie wollten, ausser jemand anderem zu schaden oder Wildtiere zu jagen (das blieb wohl beides Königsrecht): Brennholz sammeln (auch für Holzkohlemeiler), Torf stechen, Vieh weiden, Ton und Lehm abbauen, Wasser holen, Wassermühlen bauen, Honig sammeln, Fische fangen, selbst Äcker und Gärten anlegen, wenn dadurch der Wald nicht beeinträchtigt wird. Die Charter of the Forest legte also eine Allmende fest und definierte das Saats- oder Königsland als Fläche für uneingeschränkte gemeinschaftliche Benutzung. Das ist eine wichtige Definition, auf die auch unser heutiges Verständnis für die Nutzung von öffentlichem Land zurückgeht. Tatsächlich galt die Charter in Grossbritannien bis zum Jahr 1970. Mittlerweile hat sich auch die Einstellung zu öffentlichem Land verändert, das nun als Besitz des Staates wahrgenommen wird, welchen dieser nach Regierungsentscheidung auch privatisieren darf. Die Privatisierung von öffentlichem Land war eine Voraussetzung für die wilde Blüte des industriellen Kapitalismus, und ist bis heute ein wichtiger Motor für den zunehmenden Reichtum einiger Weniger. Es wäre also notwendig, dass wir das Konzept von öffentlichem Raum wieder auf die Grundlagen der Charter of the Forest (die ja auch nur bereits vorhandenes, mündlich vereinbartes Recht festschreibt) zurückführen. Ich persönlich kann mir auch vorstellen, irgendwann das Konzept von privatem Landbesitz ganz aufzugeben und durch eine an die Allgemeinheit bezahlte Nutzung zu ersetzen. Das wäre dann allerdings ein Ende der Immobilienbranche, wie wir sie kennen. Die Charter of the Forest sollten wir aber künftig an jedem 6. November feiern und uns gegenseitig darin versichern, dass es nach unserem gemeinsamen Verständnis einen gemeinsamen öffentlichen Raum gibt, der nicht privatisiert oder der Öffentlichkeit ganz oder in Teilen weggenommen werden kann. Weil wir ja freie Menschen sind, nicht wahr?

via nakedcapitalism, pic Nejc Košir cc0

2 Kommentare

  1. „Ich persönlich kann mir auch vorstellen, irgendwann das Konzept von privatem Landbesitz ganz aufzugeben und durch eine an die Allgemeinheit bezahlte Nutzung zu ersetzen. Das wäre dann allerdings ein Ende der Immobilienbranche, wie wir sie kennen.“

    Meinst Du? Ein Stück weit sind wir doch in der Richtung durchaus schon.. Immerhin hab ich bei Erwerb die Grunderwerbsteuer bezahlt und drücke jährlich Grundsteuer ab.
    Unter der – vielleicht etwas naiven – Vorstellung, dass die Steuer irgendwo auch der Allgemeinheit zukommt sehe ich Deine Forderung erfüllt.

    Aus Deiner Sicht wäre ja dann nur noch zu klären ob die jeweiligen Steuern „hoch genug“ sind :)

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    • und drücke jährlich Grundsteuer ab.

      und wenn du die steuern ein paar Jahre nicht mehr bezahlen kannst, wirst du: gepfändet, enteignet und das Grundstück kommt so erst mal in Verwaltung der öffentlichen Hand – bis zu einer evtl. Versteigerung. Je nach Verwertungsgrad des Grundstücks.
      Sind ein paar Umweltauflagen darauf konzentriert bleibt es in Staatsbesitz – bis die einen Trick finden es doch noch versilbern zu können (was oft dazu führen kann das bis dahin strengste Umweltauflagen nichts mehr gelten – Hauptsache der ehemalige Besitzer wurde in den Ruin getrieben).

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