Politikverdrossenheit, made in Bavaria

Warum sind viele Menschen so angepisst von Politik und Politikern und Parteien und wählen dann aus Hass und Selbstmitleid und Verwirrung Rechtsradikale (die wenigstens mal einfache Rezepte anbieten)? Wir erinnern uns: „Die andern sind schuld“, ist das einfachste Gesellschaftsrezept ever. Um hier eine schlüssige Antwort zu erhalten, fragen wir doch einfach den Bundesrechnungshof. „Politikverdrossenheit, made in Bavaria“ weiterlesen

Frauen am Herd und am Südpol

Die 16jährige Australierin Jade Hameister ist der bisher jüngste Mensch mit allen drei grossen Eis-Überquerungen per Ski: Nordpol, Südpol (jeweils vom nördlichsten Breitengrad zum Pol) und einmal quer durch Grönland. Ihr TED-Redebeitrag wurde auf Youtube erwartungsgemäss mit den üblichen Kommentaren gekränkter, marginalisierter und wegen ihres Geschlechts massiv benachteiligter männlicher Schneeflöckchen verziert: „cool story babe, now make me a sandwich“, was in unserer Sprache dem „Frauen zurück an den Herd“ entspräche. Jade hat nun eine schlüssige Antwort veröffentlicht, nämlich das oben stehende Bild von ihr am Südpol (zweiter Besuch), mit einem Sandwich und der Aufforderung: Komm und hol’s dir. Fahr 37 Tage lang und 600 km weit auf Skiern durch das antarktische Eis und hol dein Schinken-und-Käse-Sandwich ab.

Meltdown und Spectre: Alles wird noch schlimmer

Die erste Welle an Bugfixes und Patches zu den extremen Sicher­heits­lücken in modernen Computerprozessoren – Stichworte Meltdown, Spectre – ist raus. Wie man vor wenigen aus der unabhängigen Presse erfahren musste (vor allem aus dem britischen Register), hatte vor allem Prozessormarktführer Intel, und in einem ge­ringeren Umfang auch die anderen Halbleiterimperien (AMD, Nvidia, ARM) ele­mentare Sicher­heits­bedenken beiseite gewischt, damit die Chips schneller laufen. Die Löcher im Zaun waren über ein halbes Jahr lang unbewacht, Daten von fast allen PCs und Servern konnten mit überschaubarem Aufwand gestohlen werden. „Meltdown und Spectre: Alles wird noch schlimmer“ weiterlesen

Starship Troopers: Die guten und die bösen Nazis

Der Guardian hat ein längst überfälliges Interview mit dem Regisseur Paul Ver­hoeven, in dem der 1938 geborene und ’85 in die USA umgezogene Nieder­länder klarstellt, was der kontroverse Hard-SF-Streifen von 1997 tatsächlich sagt. Nämlich ganz simpel, dass blinder Militarismus und Fremdenhass immer faschistische Züge trägt. Auch und gerade, wenn es dabei um „unsere Jungs“ geht, die für „die gute Sache“ kämpfen. „Starship Troopers: Die guten und die bösen Nazis“ weiterlesen

Sind Computergames Schund oder Literatur?

Computer- und Videogames sind in der Gegenwart unseres frühen 21sten Jahr­hunderts durchaus Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung – aber überwiegend im verzweifeltem Bemühen, doch eine Verbindung zu Gewalt oder Sucht herzu­stellen. Auch wenn das Tausendemale nicht geklappt hat, gibt es immer wieder Geldquellen für solche halb-wissenschaftlichen Auftragsarbeiten. Glücklicherweise gibt es aber auch seriöse Forscher, die das Thema Games ohne Vorurteile mit den Mitteln der Medienwissenschaften betrachten, wie das US-Institut Quantic Foundry. „Sind Computergames Schund oder Literatur?“ weiterlesen

122 Jahre Hipsterkultur

Im Jahr 1896 erschien erste Ausgabe des Magazins „Jugend“. Gewidmet der Moderne, dem Jugendstil, dem neuen Jahrhundert, der Befreiung. Ab ’33 war Schluss mit Moderne, die wurde dann durch Gleichschaltung im nazibarbarischen Sinn ersetzt. Leute, 1986 gab es kein Internet, keine Smartphones, keine Computer, in weiten Teilen nicht einmal Strom, oder Autos, oder ein Klo in der Wohnung. Deswegen musste man Plakate und Zeitschriften drucken, um öffentlich gegen Spiesser und Autoritäre sein zu können, und Rebellion und Jugendkultur auszudrücken. Nun bin ich, generationsbedingt als „Boomer“ definitiv nicht Teil der Hipsterkultur. Aber Jugendkultur ist immer „jetzt“, egal, was für Hosen die Leute anhaben. Rebellion ist es, was zählt. Und die Uni Heidelberg hat hunderte von Ausgaben gescannt und zum Download bereit gestellt. via openculture

Die Zukunft des Einzelhandels

In einem Wort: keine. Heute öffnet der vor über einem Jahr angekündigte, erste Amazon Go. Ein Supermarkt ohne Mitarbeiter. Du gehst einfach rein, dein Smart­phone identifiziert dich, die zahlreichen Videokameras ebenfalls, du nimmst, was du haben möchtest und gehst einfach. Extrem schöne neue Welt, mit lückenloser Überwachungs und ohne Arbeitsplätze im Einzelhandel. „Die Zukunft des Einzelhandels“ weiterlesen

Die neuen A-Wing, U-Wing und X-Wing

Der alte A-Wing sieht einfach bescheuert aus, ich glaube, da sind wir uns einig. Wie ein albernes Sportcoupe ohne Räder. Zum Glück gibt es auf der alten Erde Illu­stratoren wie Andrew Hodgson, Adam Kop oder Isaac Hannaford, deren Fantasie galaxienweit reicht. Was uns ermuntern sollte, gegen das dunkle Imperium zu kämpfen. Wann immer wir es in der Alltagsgegenwart antreffen. „Die neuen A-Wing, U-Wing und X-Wing“ weiterlesen

Erwachsenen-Unterhaltung in Zeiten der Nuklearkatastrophe

Nachdem neulich im US-Bundesstaat Hawaii alle Bürger irrtümlich per SMS vor einem Nuklearangriff gewarnt worden waren (ich frage mich, ob das wirklich ein Versehen war oder doch Wahlkampf durch Angst), gibt es nun auch harte Zahlen zum Einfluss solcher Katastrophenmeldungen auf die Freizeitgestaltung der Erstweltbewohner. Damit wir nicht länger auf „das wussten wir schon immer“ Herumgerate angewiesen sind, hat die führende US-Plattform für Erwachsenen-Unterhaltung PornHub Nutzerzahlen veröffentlicht, die ein klares Bild (siehe oben) der Gegenwart zeichnen: minus 77% im Angesicht des Todes (aber nicht minus 100), und plus 48% im Glücksgefühl des Weiterlebens. via boingboing

USA: Generika gegen die Übermacht der Pharma-Industrie

In keinem anderen Land der Welt sind Medikamente so teuer wie in den USA. Das bedeutet gigantische Gewinne für die Pharmakonzerne und damit entsprechende Einflussmöglichkeiten dieser Unternehmen in anderen Teilen der Welt. Jetzt scheinen endlich einige Teile der Gesundheitsindustrie aufzuwachen. „USA: Generika gegen die Übermacht der Pharma-Industrie“ weiterlesen

Pip und Pop

Die australische Objektkünstlerin Tanya Schultz stellt seit über 10 Jahren unter dem Begriff „Pip And Pop“ rund um den Globus diese Regenbogenlandschaften aus. Die Titel ihrer Austellungen wie „On days like this there are always rainbows“, „Treasure Mountain“, “Keep me where love is“ oder „We miss you magic land!“ beschreiben sehr treffend unsere kollektive, unerfüllte Sehnsucht nach einer heilen, magischen Welt. Ja, auch und gerade in diesen wahninnigen Bonbonfarben. Tolle Arbeit, Frau Schultz. Mehr davon, bitte! „Pip und Pop“ weiterlesen

Wie Politik superintelligente Leute superdumm macht

Der Schweizer Journalist Constantin Seibt hat im Onlinemagazin Republik.ch den bisher besten (und längsten) Text zu Politik und ihren Mechanismen veröffentlicht: Demokratie unter Irrationalen. Den besten, den ich gelesen habe. In unserer Sprache. Es gibt im anglophonen Raum auch ein paar beste. Constantin erklärt uns darin Dinge wie „Warum Ihr Verstand oft nur der Pressesprecher für jemand Unbekannten gleichen Namens ist“, „Warum die Rechten die meisten Wahlkämpfe gewinnen“ oder eben „Wie Politik superintelligente Leute superdumm macht“, und beschreibt das alles anhand aktueller Erkenntnisse der Neurologie und der Diskussion um das halböffentliche Schweizer Fernsehen. Das, genauso wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande und überall anders, von den milliardenschweren Medienmogulen und ihrer Hilfstruppe, den Rechtsextremisten, massiv angegriffen wird. tl;dr: Verstand vs Emotion. Lest selber. Lest es. Los.

Der gute Krieg

Der fantastische Webcomic „The Good War“ von Mike Dawson und Chris Hayes zeigt sehr genau, wie die aktuelle Terrorpanik der USA und ihrer Aliierten seit dem An­schlag auf das World Trade Center nur die Folge einer über lange Jahre aufge­bau­ten Verherrlichung des zweiten Weltkriegs geworden ist. Der angeblich fröhliche Neoliberalismus der Clinton-Ära und die völlige Hinwendung zu materiellen Zielen liessen eine tiefe Sehnsucht nach höheren, gemeinsamen Zielen offen. „Der gute Krieg“ weiterlesen

Warum Marktwirtschaft eine Lüge ist

Und wir haben harte Zahlen dafür. Wir erfuhren zum Jahresanfang wieder, wie gut es unserer Wirtschaft geht, dass wir weniger Arbeitslose seit Karl dem Grossen (Bild oben) haben und dass der aktuelle Boom wohl noch Jahre anhalten wird. Das ist schön, auch wenn Kapitalismuskritiker gegenhalten, dass fast ein Drittel der Bevölkerung inzwischen dem Prekariat zuzurechnen sei, also von Mindestlohn, HartzIV, Aufstocken, Armutsrenten, Zeitverträgen oder allgemein unsicheren Arbeitsverhältnissen betroffen ist, so dass man dringend ein Grundeinkommen einführen müsse. Und jetzt zu den Fakten: „Warum Marktwirtschaft eine Lüge ist“ weiterlesen

Griechenland macht Ernst mit der Säkularisierung, Türkei mit dem osmanischen Grossreich

Das griechische Parlament hat ein Gesetz beschlossen, das die Justiz endlich voll­ständig in öffentliche Hände legt. Und aus der Händen der Religion reisst. Konkret geht es dabei um die Aufhebung von Vereinbarungen der Verträge von Sevres 1920 und Lausanne 1923, in welchen die islamische Minderheit in Nordgriechenland das Recht erhielt, familiäre Angelegenheiten wie Heirat, Scheidung, Erbschaft etc, durch Geistliche regeln zu lassen statt durch ordentliche Gerichte. „Griechenland macht Ernst mit der Säkularisierung, Türkei mit dem osmanischen Grossreich“ weiterlesen

Nicht alle Computer sind unsicher durch Meltdown und Spectre

Der grosse Hardware-Skandal von 2018 (eigentlich von 1995 bis 2018) entfaltet sich weiter. Die ersten Massenklagen gegen Intel rollen bereits an, sie beziehen sich auf den Leistungsverlust durch die anstehenden zusätzlichen Software-Sicherheits­massnahmen, die verhindern sollen, dass die Fehlkonstruktion moderner Prozessoren von bösen Hackern all zu leicht ausgenutzt werden kann. Der Skandal wird noch grösser dadurch, dass Chip-Hersteller Intel schon im Juni 17 von diesem grundlegenden Problem erfahren hatte, wegen der Veröffentlichung von Konkurrenzprodukten aber die Klappe hielt und so die Datensicherheit von Privatpersonen, Unternehmen und Behörden aufs Spiel setzte. Klar: „Nicht alle Computer sind unsicher durch Meltdown und Spectre“ weiterlesen

Warum muss der Playboy für unsere Bürgerrechte kämpfen?

Die einschlägig bekannte Männerzeitschrift Playboy brachte im November das französische Fotomodell Ines Rau (selfie oben) auf die Titelseite und erntete dafür eine Hasswelle aus ihrem angestammten Kundenkreis. Warum, sieht doch sympathisch aus, die junge Dame? Weil sie transgender ist, was in ihrem Fall bedeutet, dass die Ärzte sie bei ihrer Geburt als männlich identifiziert haben und sie erst im Alter von 16, auch mit Hilfe von Operationen, ihre geschlechtliche Identität zurückbekam. Klingt doch eigentlich sehr tapfer, oder nicht? „Warum muss der Playboy für unsere Bürgerrechte kämpfen?“ weiterlesen

Piraterie im Internet der Dinge, die einem nicht mehr gehören


Das unbezahlte Ansehen und Anhören von Kultur- und Wissenserzeugnissen im Internet wird heute teilweise mit dem malerischen Wort „Piraterie“ bezeichnet. Ahh, die Karibik! In anderen, deutlich weniger pittorsken Nachrichten zum selben Thema erfahren wir, dass der US-Internetprovider Armstrong Zoom dazu übergangen ist, seinen Kunden Drohbriefe zu schicken, wenn sie der „Piraterie“ beschuldigt werden. Dann nämlich würden diese in Gefahr geraten, so der Drohbriefprovider, dass sie ihre Heizung und andere ans Internet-Of-Things angeschlossene Geräte nicht mehr richtig benutzen können. „Piraterie im Internet der Dinge, die einem nicht mehr gehören“ weiterlesen

Lautstärke legt Computer lahm, und Überwachungskameras, und Bankautomaten

Eine Gruppe von Forschern der Princeton und Purdue Universitäten zeigte im Dezember, wie Festplatten, die heute den Grossteil aller Daten in Computern, Sicherheitssystemen, Bankautomaten speichern, auf Lautstärke reagieren. Wenn man die allgegenwärtigen Datenspeicher mit bestimmten Tönen anfönt, hören sie auf zu arbeiten, weil die einzelnen Platten innerhalb des Harddisk-Gehäuses mitschwingen und die Sicherheitsautomatik dann den Schreib-Lesekopf wegparkt. „Lautstärke legt Computer lahm, und Überwachungskameras, und Bankautomaten“ weiterlesen

Warum Gamergate so gut funktioniert hat

Wer erinnert sich noch an die grosse Online-Schlammschlacht von 2013 (die nach zwei Jahren ausebbte), als eine Gruppe von zunächst unbekannten Jungs gegen eine Spieleentwicklerin den Vorwurf erhob, sie habe nur deswegen was mit einem Spielejournalisten angefangen, um eine gute Bewertung für ihr Game Depression Quest zu bekommen. War faktisch wohl nicht so, trotzdem entstand daraus eine Welle von misogynen Aktionen, Hacks, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Spieleentwicklerinnen und Journalistinnen (und einige wenige Männer). Businessinsider hat jetzt die FBI-Originalakten ausgewertet und veröffentlicht. „Warum Gamergate so gut funktioniert hat“ weiterlesen

Warum Urheberrecht nicht funktioniert: Weisses Rauschen

Urheberrecht, oder Copyright, ist wie ähnliche Immaterialgüterrechte (Marken, Patente) mittlerweile zu einem wirtschaftlichen Monster geworden. Obwohl es ja irgendwann mal dafür gedacht war, und in der Vorstellung vieler immer noch dafür da ist, Urhebern, also Künstlern und Wissenschaftlern, ein Auskommen zu verschaffen. Was aber im selben Moment zur Illusion wurde, als man dieses Recht an der eigenen Schöpfung zu Handelsware deklarierte, die einfach so gegen Geld ihren Besitzer wechseln kann. Im anglophonen Rechtsraum vollständig, in Kontinentaleuropa nur in Form der Vertriebsrechte, was aber in der Praxis keinen gravierenden Unterschied bedeutet. Ein fantastisches Bespiel für dieses einfach nicht funktionierende Konzept des Urheberrechts liefert dieser Tage der australische Musikwissenschaftler Sebastian Tomczak. „Warum Urheberrecht nicht funktioniert: Weisses Rauschen“ weiterlesen

Bier, nächstes Opfer der Robokalypse

Nicht weil funkensprühende Megabots stahlzähnefletschend alle Fässer des flüssigen Goldes zerhacken würden, sondern weil die dänische Grossbrauerei Carlsberg (der viertgrösste Laden dieser Art weltweit) gerade Sensoren entwickelt hat, die Bier schmecken können, und zusammen mit Microsoft (ausgerechnet) eine viele Millionen Euro teure künstliche Intelligenz programmiert, die in Zukunft ohne lästige und zeitvergeudende Menschen Biersorten entwickeln kann. Die dann von Robotern gebraut werden. Schreiben wir also Bierbrauer mit auf die Liste der Berufe, die es in 25 Jahren nicht mehr gibt. Prost. via fastcompany, pic Matan Segev cc0