Warum Urheberrecht nicht funktioniert: Weisses Rauschen

Urheberrecht, oder Copyright, ist wie ähnliche Immaterialgüterrechte (Marken, Patente) mittlerweile zu einem wirtschaftlichen Monster geworden. Obwohl es ja irgendwann mal dafür gedacht war, und in der Vorstellung vieler immer noch dafür da ist, Urhebern, also Künstlern und Wissenschaftlern, ein Auskommen zu verschaffen. Was aber im selben Moment zur Illusion wurde, als man dieses Recht an der eigenen Schöpfung zu Handelsware deklarierte, die einfach so gegen Geld ihren Besitzer wechseln kann. Im anglophonen Rechtsraum vollständig, in Kontinentaleuropa nur in Form der Vertriebsrechte, was aber in der Praxis keinen gravierenden Unterschied bedeutet. Ein fantastisches Bespiel für dieses einfach nicht funktionierende Konzept des Urheberrechts liefert dieser Tage der australische Musikwissenschaftler Sebastian Tomczak.

Er stellt gelegentlich Produkte seiner Musikforschung auf Yotube, etwa „10 Hours of a Perfect Fifth“, “The First 106 Fifths Derived from a 3/2 Ratio” oder “Hour-Long Octave Shift” – und auch im Juli 2015, “10 Hours of Low Level White Noise”, 10 Stunden leises weisses Rauschen, erzeugt mit der Opensource-Software Audacity.*

Mittlerweile hat er von der Videoplattform YouTube die fünfte Benachrichtigung wegen Urheberrechtsverletzung bekommen, die selbsterklärten Urheber­rechts­inhaber des weissen Rauschens haben aber alle vorgezogen, die möglichen Werbeeinnahmen zu beanspruchen, anstatt das Video löschen zu lassen. Die rechtlichen Beschwerden stammen von 4 Firmen, die selbst irgendwie etwas ähnliches wie weisses Rauschen in ihrem Produkt-Portfolio haben. Sebastian will das jetzt mit Youtube ausdiskutieren. Aber eigentlich ist da ein grundsätzliches Problem sichtbar, dass auch Youtube nicht lösen kann: Das Konzept „Besitz an einem geistigen Werk“ ist aus dem Konzept „Besitz an materiellen Dingen“ abgeleitet und wird eigentlich immer damit verwechselt. Genauso wie Gesetz und Gewohnheit immer verwechselt werden. Oder Werk und Idee. Oder „Kunst und Wissenschaft als Dienst an der Gesellschaft, die das schätzt und honoriert“ mit „Kunst und Wissenschaft sind Waren und der Urheber muss sich selbst um die Vermarktung kümmern“. Solange diese grundsätzliche Konzeptverwechslung nicht behoben ist, werden wir uns noch viele solcher Unterhaltsbeiträge anschauen dürfen. Alternativ beenden wir den Traum von der Anwendbarkeit der Marktwirtschaft (wird gerne mit Kapitalismus verwechselt) bei geistigen Produkten. Aber bis dahin dürfte es noch ein paar Generationen dauern. Einfach weil wir alle so sehr an den gegenwärtigen, surrealen Zustand gewöhnt sind.

via torrentfreak, beispielpic oben Jorge Stolfi cc by sa

* In diesem Zusammenhang möchte ich vor dem Download von Audacity von der Internetadresse audacity.de warnen, die keinerlei Quellenangabe oder Impressum enthält und für Windows und Mac OSX statt der Originaldatei verdächtig nach Viren aussehende Downloads anbietet.

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