Sind Computergames Schund oder Literatur?

Computer- und Videogames sind in der Gegenwart unseres frühen 21sten Jahr­hunderts durchaus Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung – aber überwiegend im verzweifeltem Bemühen, doch eine Verbindung zu Gewalt oder Sucht herzu­stellen. Auch wenn das Tausendemale nicht geklappt hat, gibt es immer wieder Geldquellen für solche halb-wissenschaftlichen Auftragsarbeiten. Glücklicherweise gibt es aber auch seriöse Forscher, die das Thema Games ohne Vorurteile mit den Mitteln der Medienwissenschaften betrachten, wie das US-Institut Quantic Foundry.

Seit 2015 öffnen Nick Yee und Nicolas Ducheneaut aus Umfragen mit mittlerweile hunderttaussenden Teilnehmern Perspektiven auf die Gaming-Kultur. Die Mittel sind dabei dieselben wie in anderen medienwissenschaftlichen Sparten (Literatur, Theater, Film…), nur ist die quantifizierende Auswertung der Umfragen weniger auf Interpretation angewiesen, als wir das bisher kannten. In der aktuellen Ver­öffent­lichung Visualizing How Steam Tags Are Related nutzen Yee und Ducheneaut die massive Datenmenge des Games-Distributors Steam in Kombination mit ihren eigenen Datenbanken dazu, um „Tags“, also von den Nutzern/Gamern zugeordnete Schlüsselwörter in Beziehung zu bringen. Die obenstehende Map zeigt 279 Keywords aus 2070 Games. Daraus entsteht eine Landkarte des Gaming, die für Developer ebenso interessant ist wie für die Millionen von Freizeitzockern. Auf dieser ist deutlich abzulesen, dass die Freizeitinteressen der Gegenwart durchaus narrative Inseln bilden. So wie etwa Board Games, Card Games und Warhammer 40k keine gemeinsamen Schlüsselwörter mit Spielen aus anderen Genres aufweisen, oder wie Star Wars zwar mit Lego (wie in „Lego Star Wars“), aber nicht mit anderen Bezeichnungen in Verbindung steht. Eine ähnliche Einbahnsituation finden wir bei Hunting (Dinosaurs) oder Football (Sports), was den Schluss nahelegt, dass diese Spielegenres eher spezialisierte Interessen bedienen, anders als heutige Erfolgsthemen wie Survival-Sandbox-Crafting oder Coop-Action-Multiplayer. Die Eingangsfrage nach Schund oder Literatur ist übrigens eine, die sich quer durch unsere Zivilisationsgeschichte allen neuen Kulturformen stellt. Sowohl der Roman (weil er nicht in Gedichtform steht) als auch der Film (weil er eine Konserve ist) oder der Comic (weil da Bilder dabei sind) wurden von Zeitgenossen zunächst als unseriös empfunden. Solange jedenfalls, bis man sich allgemein daran gewöhnt hatte. Bei Games kann das noch ein paar Jahre dauern, da muss man wohl noch etwas Geduld haben. Die Zeit bis dahin können wir uns aber wunderbar mit immer neuen Games vertreiben, das Problem bleibt also überschaubar.

2 Kommentare

  1. Gut geschrieben. Ich als Vollblut Zocker darf natürlich sagen, dass Spiele eine Art Literatur sein können. Man kann eben so in fremde Welten eintauchen, wie in einem Buch. Allerdings gibt wie bei den Büchern, auch viel unsinniges Zeug. In diesem Sinne…

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  2. Mit Visual Novels werden Spiel ja quasi zum Buch. Der Trend ist zwar nur bei
    asiatischen Spieleherstellern zu beobachten, kommt aber sicher bald auch nach Europa und Amerika. Vielleicht verschmelzen ja bald die Grenzen zwischen Spielen und Büchern ;)

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