Moral, Heuchelei, Impotenz, Böhmermann und das Ende der Meinungsfreiheit

Die gute Nachricht zuerst: Nein, die Meinungs- und Redefreiheit ist nicht am Ende, auch wenn rekursive Alleswisser wie der Jurist, gelegentliche Zeit-Autor und mut­massliche German Marshall Fund Mitwirkende Jochen Bittner das uns mitunter glauben machen wollen. Nein, garnicht. Schon überhaupt nicht, wenn es Jan Böhmermann mit einer einzigen Satire-Sendung schafft, 50.000 Begeisterte zur öffentlichen Meinungsäusserung gegen bezahlte Rechtsaussen-Trolle zu moti­vieren. Dann nämlich sieht ein professioneller Alleswisser „Orwells 1984“ los­getreten. Was? Wie?

Ja, weil in der Böhmermannschen „Reconquista Internet“ nicht sauber unterschieden würde, zwischen den allgemein verabscheuungswürdigen Trollen der rechts­extremen Twitterarmee „Reconquista Germanica“ und rechtsoffenen, „regierungs­kritischen“ Text-Vuvuzelas wie dem ebenfalls latent alleswissenden Roland Tichy. Deswegen: „Erdogan“. Und: „Erschreckend“. Um nicht zu sagen: „Diskurserstickung“.

Glücklicherweise haben wir vom grossen irischen Theaterautor George Farquhar (pic oben) gelernt: „Moral ist die Heuchelei der Impotenten“. Das bedeutet, wenn es mit dem Poppen nicht mehr so richtig läuft (bis hierhin alles wertfrei), dann ver­kleiden manche das ins Mäntelchen der Moral. Weil dann nicht sein darf… wenn man selber nicht mehr so kann. Genau so ist es im Fall von Jochen Bittner, dem von Herrn Böhmermann unwissentlich und im Vorbeihuschen das Grösste und Wichtigste geraubt wurde, das einem (nach Eigendarstellung) kontemporären Vordenker überhaupt zusteht: Die Deutungshoheit. Wer interessiert sich denn noch für die Ergüsse eines angeblichen Atlantikers, wenn jeder Nachtausgabe-Satiriker en passant 50.000 Enthusiasten akquiriert, denen es egal ist, ob jemand glühender Bildschirmnazi ist oder „nur“ rechtsoffener Relativierer? Ja, richtig, ein Blatt wie Die Zeit, das bei allen spontanen Ausbrüchen in Richtung von Aufklärung und Vernunft doch tief in vergangenheitsverliebter Bürgerlichkeit verankert ist, besitzt keine Deutungshoheit mehr. Das war mal, vor 30 Jahren. Aber heute ist Internet und Neo Magazin Royale und die Meinungsfreiheit findet auf Facebook und Twitter statt. Hier ist also kein Ende der Meinungsfreiheit in Sicht, und noch weniger ein orwell­ian­ischer Überwachungsböhmermann, sondern nur ein Ende der Selbstgefälligeit elitärer Konservativisten. Ein Ende von peinlichen Heultiraden wie Bittners Zeit-Artikel hier wiederum nicht. Die nämlich bilden eine tränenfeuchte Teilmenge von Meinungs­freiheit. Kein Problem, heult einfach weiter. Das hält unsere Gesellschaft schon aus. Wir müssen euch ja nicht zuhören. Danke. Passt schon. Tschüss. bild pd.

10 Kommentare

  1. Ich fands grässlich. Sowohl, das hier zu lesen, als auch was Böhmermann in meinen Augen angerichtet hat. Trägt nun wirklich nicht bei zu einem Diskurs (ist offensichtlich auch nicht gewünscht), ist in meinen Augen defibnitiv ein Akt gegen die Meinungsfreiheit und Redefreiheit (in den bekannten Grenzen) und fördert massiv die Spaltung. Honi soit qui mal y pense…

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  2. … und außerdem: Das pic von George Farquhar… is da was gemacht? Oder wie bist drauf gekommen? Sieht aus wie Böhmermann… Blutlinie???? ;)

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    • 1) Meinungspluralität FTW, selbst wenn du denkst, dass es deine Meinungsäusserung behindert, wenn Andere ihre anderen Meinungen äussern – zusammen wird ein Diskurs daraus, und 2) Nee, das Bild sieht schon seit dem 18. Jhdt so aus. Vielleicht isses die Intelligenzverwandtschaft der beiden Künstler.

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      • Wenn als Intelligenzreferenz das obige Zitat herhält, dann könntest du vermutlich recht haben…

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        • !) Welches Zitat und 2) ich bin ein wenig ermüdet von der typischen Vorgehenssweise des rechten Randes, immer gleich Ad Hominem und nicht Ad Causam zu argumentieren. Aber. ja so was kann einem mal passieren, ich bin dir da nicht böse.

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          • Zu 2) Hier zeigt sich in meinen Augen das wahre Diskurs-Problem: ad hominem lese ich hier in erster Linie von dir; du sprichst von „rekursive Alleswisser“, „professioneller Alleswisser“ oder „latent allwissenden […] Text-Vuvuzelas“. Auch das Zitat von Farquhar (das, welches du nicht erinnert hast, obwohl es das einzige von ihm in deinem Text ist, das zu 1, damit es ganz klar ist kommt es hier nochmal, achtung)“„Moral ist die Heuchelei der Impotenten“ kann man nur sehr schwer unter die Rubrik ad causeam zwingen, sondern stellt eine polemische Unterstellung dar.

            Unterstellung ist ein gutes Stichwort denn du verortest ja auch mich reflexartig am „rechten Rand“ und konstatierst: „… selbst wenn du denkst, dass es deine Meinungsäusserung behindert, wenn Andere ihre anderen Meinungen äussern…“ äh, jetzt muss ich fragen: Was? Wie? Wie kommst du da drauf? Wo liest du das raus? Und wo argumentiere ich denn ad hominem? Ad hominem wäre der Angriff auf deine Person, aber den mache ich ja gar nicht (schreibt man übrigens gar nicht zusammen), außer du BIST Böhmermann, denn wenn dann müsste er sich als ad hominem angegriffen fühlen. Identifizierst du dich mit ihm?

            Mir ist Meinungspluralität wichtig, drum habe ich auch nicht die Absicht, jemanden zu zensieren, aus sozialen Netzwerken zu vertreiben oder ähnliches. Und die Sache mit rechts und links is geschenkt. Vielleicht hast Du da ja Präferenzen, mir persönlich ist eine Diktatur, in der nur linientreues verbreitet und geäußert werden darf zutiefst zuwider, egal ob diese Diktatur nun rechts oder links verortet ist. Freiheit ist das Ziel. Und da kommt man meiner Meinung nach eben nicht hin, indem man alles sofort „nazi“ findet (denn das soll doch wohl „rechter Rand heißen“), was der eigenen Meinung widerspricht. DAS finde ICH ermüdend.

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  3. Die Meinungsfreiheit findet auf Twitter statt. Den Spruch sollten Sie sich aufhängen. Auf Plattformen von Konzernen auf Meinungsfreiheit zu pochen hört sich für mich sehr fragwürdig an. Meinungsfreiheit ist auch nicht andere Meinungen die einen nicht passen löschen zu lassen.
    Das nur mal so nebenbei bemerkt.

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    • Richtig, Schwoon: Loeschen, verschwinden lassen, „edieren“, Internet abknipsen usw, usw – laesst das Frere Wort viel zu oft kurzschliessen, um von offenem Diskurs zu sprechen.

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  4. @LQM: ich sage nicht, dass du das genau so sehen musst, aber für mich sind Artikel auf Websites und Blogs eine Art Bühnenperformance, in welchen es rauer zugeht als in der wirklichen Welt. Wenn Lauch Bittner also vom Leder zieht, kriegt er zurück. Wenn er mit Ad Hominem anfängt, gibt es davon auch was. Wenn normale Leute miteinander diskutieren, bin ich anders. — Speziell das Zitat „Moral ist…“ stellt für mich exakt ein Ad Causam dar, weil ich dazu sage: Lauch Bittner regt sich auf, weil er die Deutungshoheit an das soziale Internet verloren hat. Das ist sein Problem, nicht Böhmermann, der ist nur Symbol. Und „Impotenz“ ist hier die Metapher. — Mit „ich bin ein wenig ermüdet von..“ meine ich, dass ich ein wenig ermüdet von dieser Argumentationsweise bin, auch wenn sie von Leuten stammt, die keine klar ablehnenswerte politische Position haben. — Nein, rechter Rand ist nicht synonym mit „Nazi“, aber benachbart. — Nein, eine Diktatur ist immer rechts, auch wenn irgendwer das Gegenteil behauptet. Die Sowjetunion zB war hierarchisch, autoritär, grundrechtsschwach, unterdrückungsfreudig und deswegen rechts, auch wenn sie sich sozialistisch und kommunistisch nannte. Links ist das mit Befreiung, Emanzipation, Menschenrechten, Frauenrechten, Arbeitnehmerrechten, usw. Dagegen ist das Konzept „weder rechts noch links sondern eigenständig“ ein erfundenes Narrativ, um rechtslastige Parasitenparteien wie die AfD (front national, erdogan, trump, orban, etc) für normale Leute wählbar erscheinen zu lassen, und einige Millardäre (nicht nur in den USA) geben wiederholt Peanuts dafür aus, um das Narrativ am Leben zu halten. — 11k2 ist ein typisches Blog und besteht daher zu ungefähr gleichen Teilen aus Tierbildern und Trollbait. — Ansonsten: Yeah! Freiheit!

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  5. ok. ich seh schon. Das müssen wir beim nächsten Grillen klären. Geht anscheinend nicht kurz und knapp hier.

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