Wenn Gewerkschaften sich gegen die Bevölkerung stellen

Ist Verdi jetzt gegen uns? Wir haben in letzter Zeit schon öfter den Vorwurf gehört, dass Gewerkschaften zu Besitzstandwahrern geworden sind, zu Organisationen, die finanzielle Sicherheit gutbezahlter Vollerwerbsmitarbeiter gegen alle anderen verteidigen, auch und gerade gegen das Prekariat, die Mindestlohnzeitarbeiter und „Selbstausbeuter“, die heute für den Wohlstand Deutschlands (und anderer Industrienationen) aufkommen, ohne daran teilzuhaben. Das geht so weit, dass Gewerkschaftsvertreter mit dem Arbeitsplatzargument für die Interessen von Rüstungsherstellern eintraten. Und jetzt eben noch weiter:

Im EU-Parlament wird am 4. (oder 5.) Juli über ein neues Urheberrecht entschieden, das aber vor allem von deutschen Grossverlagen gefordert wird. Mit dabei ein neues Superurheberrecht für Verlage („Leistungsschutzrecht“), das diesen Unternehmen zusätzliche Profite aus dem Nichts beschert (aber nicht den Urhebern, Autoren, Fotografen, Grafikern bzw *innen) und ein automatischer Uploadfilter, also eine kommerzielle, von Internetkonzernen entwickelte Software, die erkennen soll, ob ein Text, Bild, Video unter Copyright steht und deswegen nicht veröffentlicht werden darf.

Ein gesetzliches Paket also, das den sehr grossen Unternehmen nützt, während alle anderen dafür bezahlen. So dass uns (einschliesslich der mittelständischen Wirt­schaft) am Ende des Tages weniger Geld und weniger freie Meinungs­äusserung übrig bleiben. Klar sind die Verwertungsgesellschaften (wie die GEMA) begeistert von solchen Plänen. Bizarrerweise aber auch Verdi (Fachgruppe Medien und Filmunion), die sich hier ein weiteres Mal mit dem Arbeitsargument aufs Kreuz legen liessen. Schade. Ich hatte in den letzten Monaten darüber nachgedacht, mich als freischaffender Medienarbeiter bei Verdi zu engagieren, und die Gewerkschaft als Vertretung auch des riesigen Kreativprekariats wahrzunehmen. Nee. Danke.

Wenn wir, die Medienarbeiter, und wir, die Bevölkerung eines Landes mit kapital­istischer Wirtschaftsordnung, unsere Interessen vertreten sehen wollen, dann müssen wir uns selbst drum kümmern. Unsere Gewerkschaften waren mal eine tolle Sache, so im 19. Jahrhundert, sind aber im Jahrhundertschlussverkauf auf der Strecke geblieben. Wie kriegen wir das dann noch hin, ist denn nicht schon alles verloren? Nein, wenn wir uns um unsere eigenen Interessen kümmern, erreichen wir auch etwas. Aber auch nur dann. Hier ist das PDF der gemeinsamen Erkärung der Zensurfilter- und Konzernfreunde, einschliesslich Verdi.

via heise und anne roth, das romantische Bild oben vom marschierenden Proletariat zeigt eine Szene aus der russischen Revolution, wie sie niemals war, pd

Hier nochmal der Gegenentwurf eines freien Internet.

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