Das Recht darauf, andere im Internet zu beleidigen

Moderne Multiplayer-Online-Games leiden unter einer gewissen systembedingten sozialen Schwäche: Das Gameplay ist schnell und heftig, und für unaufgeregte Diskussionen ist weder die Zeit noch das Klientel vorhanden. Scheinbar* wie von selbst breitet sich daher in der Avantgarde des Online-Lebens (das sind Games nämlich) eine Sprache aus, die unter homophoben, misogynen und rassistischen Formulierungen buchstäblich zusammenbricht. Mit dem Erfolg, dass diese Games nach kurzer Zeit für alle ausser ein paar selbsthassenden Bewohnern der Keller ihrer Eltern unbenutzbar werden. Welcher normale Mensch will denn in seiner oder ihrer Freizeit auch mit Leuten zu tun haben, die nichts anderes können als sich gegenseitig und alle anderen mit möglichst abwertenden Begriffen zu beleidigen?

Das ist schlecht für’s Geschäft, und deshalb führen die Betreiber dieser Online-Games Regeln ein, um den Hate-Speech (so nennt man das neudeutsch) ein­zu­dämmen. Auf ein Mass zumindest, das es normalen Menschen möglich macht, daran teilzunehmen. Im konkreten Fall führte Spielehersteller Ubisoft aktuell einen Wortfilter mit Auto-Bann-Funktion für den Shooter Rainbow Six Siege ein. Wer im Spiel homphobe, misogyne oder rassistische Beschimpfungen von sich gibt, fliegt sofort vom Server und ist für 30 Minuten gesperrt. Beim ersten Mal.

Nächstes mal dann länger. Wie zu erwarten, schlagen die Wogen der Empörung bis zur virtuellen Zimmerdecke hoch: „Eine absolut dumme, politisch motivierte Entscheidung“, schreibt ein wütender Spieler, der sich nicht darüber im klaren ist, dass es keine politische Frage ist, auf homophobe Beschimpfungen zu verzichten, sondern eine des normalen Umgangs zwischen zivilisierten Menschen. Ein anderer schäumt: „das is das schlimmste update von allen spilen die ich jemals gekauft hab leute in einem spiel zu sperren für das sie geld bezahlt haben ist behindert (sic!)“ und erkennt dabei nicht, dass nicht nur er Geld bezahlt hat, sondern alle anderen auch, selbst wenn sie keine rassistischen Anwürfe schätzen. Ein weiterer Gamer gibt zu bedenken: „Es ist nun mal ab 18 und die wirkliche Welt ist eben schmerzhaft“, wobei „ab 18“ noch nie etwas mit misogynen Beleidigungen zu tun hatte, was der Betreffende wohl missverstanden hatte. Noch detaillierter ist diese Beschwerde über die Filtermassnahme: „Ich hab ehrlich noch nie ein Entwicklerteam erlebt, dass ein so fehlerhaftes System einführt… anstatt einfach zuzugeben, dass das System fehlerhaft ist, schieben sie die ganze Schuld auf die Spieler in einer sehr respektlosen Weise“, was den Kern des Problem sehr gut beschreibt:

Onlinegames sind für manche der Platz, wo sie sich ihrer Ansicht nach vollkommen ungezügelt auskotzen können und so scheisse sein dürfen, wie sie nur wollen. Und dieses Bedürfnis möchten diese Gamer auch bitte respektiert sehen. Dabei ignorieren sie aber, dass sie nur einen sehr kleinen Teil der Online-Gamer-Gemeinde darstellen – die weitaus meisten Leute wollen einfach nur spielen, ohne ständig auf angebliche Wertunterschiede zwischen Geschlechtern, sexueller Orientierung oder Familienherkuft hingewiesen zu werden. Für diese Mehrheit ist dann ein Wortfilter ein willkommener Schutz gegen Hate-Speech. Ja, aber, wird denn dann der wütende Gamer nicht in seiner Meinungsfreiheit behindert, wenn er ein unzähmbares Bedürfnis nach Scheisse daherreden entfaltet? Nein. Es gibt genug eigene Foren für so etwas. Ein Online-Game ist bereits eine Form der Öffentlichkeit, da darf man sich ruhig benehmen.

Und jetzt überlegen wir doch kurz, ob dieses Modell nicht auch auf allgemeine Soziale Plattformen anwendbar wäre. Weil die Hasstiraden inzwischen über das ganze Internet ausgebreitet sind. Sicher, manche sind aktiv moderiert, und Tausende von unterbezahlten Mitarbeitern sind damit beschäftigt, ausgekotzte Hassbotschaften aus Facebook, Instagram oder Twitter zu entfernen. Da wäre eine öffentlich zu­gäng­liche und bei Bedarf erweiterte Liste mit von fast allen Menschen unerwünschten Hassbegriffen und eine kurze Benutzersperre sicher hilfreich. Meint ihr nicht?

*hier steht „scheinbar“, weil es nur den Anschein hat, aber nicht wirklich so ist, im Gegensatz zu „anscheinend“, wenn etwas so den Anschein hat, dann aber auch wirklich oder zumindest wahrscheinlich so ist. Das wird gerne verwechselt und meine 10 Sekunden Doppelleben als Grammar Nazi sind hiermit wieder vorbei. Heil Eris! Heil Diskordia!, das pic ist von Ubisoft

7 Kommentare

  1. Nö, meine ich nicht. Ich meine, es ist zielführender, rauszufinden, wo die Neigung zum sobezeichneten „Hatespeech“ herkommt, und da anzusetzen. Prävention. Das Problem erstmal als solches akzeptieren und verstehen, um es dann zu lösen.

    „Ausmoderieren“ unerwünschter Kommentare ist für mich eher wie den Kopf in den Sand stecken. Davon geht das Problem nicht weg, es wird nur weniger sichtbar. Klar sind solche Kommentare Scheiße. Aber sehen wir es, wie Du es beschreibst: „Es ist schlecht für’s Geschäft“. Die Motivation ist verständlich, verdient aber Kritik, nicht nur weil sie kapitalistischer Natur ist.

    Gruß

    Thomas

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    • Nachtrag: bereits jetzt ist vielerorts zu sehen (und zum Glück ist die vor kurzem drohende Gefahr „Upload-Filter“ vorerst gebannt), liegt die Hoheit darüber, was „Hatespeech“ ist, in den Händen Unbekannter. Und im Nullkommanix wird aus der vermeintlich ehrenhaften Motivation eine Zensur-Unkultur. Dahin wollen wir nicht zurück, auch wenn wir uns offenbar schon auf dem Weg dorthin befinden. Verwende alleine mal das Wort „Volk“ in irgendeinem Text. Habe ich selbst vor Kurzem erlebt. Da hat man seine liebe Mühe, nicht sofort den Nazi-Stempel auf die Stirn zu bekommen. Finde ich echt bedenklich.

      Nur so zum Nachdenken…

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    • Achja, noch ein Nachtrag, weil ich es gerade eben erst gefunden habe: http://www.youtube.com/watch?v=_3aKkOesG00

      Hintergrund ist die Annahme, daß „Hatespeech“ im Grunde genommen Gewalt darstellt, wenn auch nur verbal. Prescott erklärt es wieder mal schön, insbesondere die Videoausschnitte aus Harlow’s Primatenversuchen sind, obwohl als Tierversuch sicherlich ethisch fragwürdig, sehr aufschlußreich.

      Das, um mir nicht nachsagen zu lassen, ich gackere, ohne dann ein Ei zu legen – hier ist eins :)

      Gruß

      Thomas

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  2. Karthasis scheint bald nur noch schwer möglich zu sein.
    Kontrolle durch den Staat oder Konzerne finde ich schlimmer als wie (!) Flamer oder Hatespeechuser, die man doch ignorieren kann.
    Wie so ein Filter für einen Voicechat funktionieren soll weiß ich nicht.
    Ich weiß aber wie viel ich früher an Frust durch Flüche abgelassen habe und wie gut mir das tat. Für mich war das abhängig vom Alter.

    Woher das Bedürfnis kommt? Egal! Stop-Schild drüber, Täter bannen und die Welt ist ein besserer Ort.

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  3. Hate-Speech ist viel mehr als obszöne und rassistische Beleidigungen. Leute über Keywords automatisch von nem Gameserver zu werfen ist plump, aber wahrscheinlich das einzige Mittel, um den Chat dort moderieren zu können.
    Das hat für mich wenig mit der aktuellen Zensur- und Hate-Speech Debatte an sich zu tun. Problematisch wird es, wenn man nachweisbar wahre Aussagen mit dem Hate-Speech Argument zensiert. Damit stellt man die Gefühle und eine erzwungene soziale Harmonie über das Recht auf freie Meinungsäußerung.

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  4. Ja, ja, Hatespeech und das Gesetz dagegen. Nichts anders als ein Zensurgesetz. Und die Stoßrichtung ist nicht etwa der Hass oder Beleidigungen, nein, es ziehlt direkt auf das Recht der freien Meinungsäußerung…

    …oder sollte man besser sagen: Auf die Wahrheit.

    Nihilus

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  5. Die meisten flamer und Menschen, die hate speech betreiben, sind im Endeffekt so klein mit Hut. Meistens sind es Jugendliche, die sich online profilieren wollen oder Menschen, die ihren Frust abladen. Ich habe auch schon oft online gezockt mit absolut netten Menschen, mit denen es dann auch witzig war. Aber das Problem ist, wie überall im Netzt zurzeit, das Hasskommentare eben stärker wahrgenommen werden. Von 100 Menschen schreiben vielleicht nur 5 regelmäßig solche Hasskommentare und die restlichen 95 Menschen fallen eben nicht auf. Ich denke auch nicht, dass ein Filter das Problem löst. Damit versteckt man es ja nur und irgendwie finden die Menschen Lösungen, trotzdem zu flamen. Das Problem muss eher an der Wurzel gepackt werden, entweder indem es härtere Strafen für so etwas gibt oder indem man die Grenzen zwischen digitalen und analogen mehr trennt. Setzt mal die Typen in einen Raum, die nur ins Netz gehen um zu beleidigen und sagen denen, die sollen sich mal Face to Face so beleidigen, wie sie es im Netz tun. Da wird sicher keiner irgendwas sagen..

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