Islam und Zahnseide

Meine Abenteuer wollen und wollen nicht abreissen. Diese Woche (meine dritte als Schulbegleiter/Kinderbändiger) war wieder Islamunterricht (ich lerne ständig dazu) und nach ein wenig Originalsurenvortrag (leider verstehe ich kein Arabisch) hatten alle keine Lust mehr auf Liturgie sondern purzelten in die Mitte des Klassenzimmers, um gemeinschaftlich Zahnseide zu üben (einschliesslich der Lehrerin und mir). Was im Rest der Unterrichtszeit verpönt ist, weil der Dance aus einem Videospiel (Fortnite) stammt, und deswegen böse ist. Zumindest im christlich-abendländischen Kontext. Das alles gibt mir zu denken. Oben ein random Zahnseide-Unterrichtsvideo.

The Good Place

Selten so gelacht: Keine ganz normale US-SitcomComedy, sondern ein Nerd­para­dies im Jenseits (alle Bewohner sind tot, mit Ausnahme der Dämonen) vom Parks-and-Recreation-Team, Frozen Joghurt für alle, Diskussionen über Love Interests und Moralphilospophie, mit der begabten Kirsten Kristen Bell (kennt man aus Veronica Victoria Mars, inzwischen erwachsen) in der Hauptrolle und die krassesten Plot Twists seit langem. Drei Staffeln, genau das Richtige zum Entspannen. Danke für den Tip an Leserin der fast ersten Stunde und, uhm, Soulmate Yuki.

Bienenstöcke der Grossstadt

Urban Hives ist ein Designprojekt von Nathalie Harb, das Gärten und Bienenstöcke auf die Flachdächer von Carports und Garagen bringt. Wirkt leicht umsetzbar und ökologisch schlüssig: Bienen leben in der Grossstadt viel gesünder als auf dem flachen Land, weil so gut wie keine Agrargifte in die metropolitanen Strassen­schluchten gesprüht werden. Die hier abgebildeten Hives stehen übrigens in Beirut. „Bienenstöcke der Grossstadt“ weiterlesen

Gaming bei der Landtagswahl

Was, Games und Landtagswahl, wie passt das denn zusammen? Doch der Zu­sam­men­hang ist sogar sehr eindeutig, weil Ordnungspolitik (Polizei), Bildungspolitik (einschliesslich Hochschulen, ohne Unis) und Sport Ländersache sind. Am 14. Oktober ist Landtagswahl in Bayern, und das Portal Gameswirtschaft.de hat die teilnehmenden Parteien gebeten, jeweils vier Fragen zu beantworten. Weil ich in meinem Blog öfters mal über Games schreibe und früher als Redakteur, Autor, Betatester, Lokalisierungsmanager, Development Manager in der Spielebranche tätig war, hat mich die Landesgeschäftsführung meiner Lieblingspartei Die Linke gefragt, ob ich bei der Beantwortung mitmachen kann. „Gaming bei der Landtagswahl“ weiterlesen

Mein erstes islamisches Freitagsgebet

Einmal in die soziale Sphäre gewechselt, wollen die Abenteuer nicht abreissen. Zum Ende der ersten Schulwoche, die ich als Schulbegleiter mitmachen durfte, waren Gottesdienste für die Kids dran. In vier Geschmacksrichtungen: Katholisch, pro­testantisch, ethisch und islamisch. Nicht im Angebot: Eine jüdische Feier, aber dafür gab es wahrscheinlich nicht mehr genügend Kinder, weil deren Vorfahren in meinem Land von den beschissenen Vorbildern der heutigen AfD nahezu ausgerottet worden sind. Zu Andachts- und Aufsichtszwecken war mein Platz heute in der Aula zum islamischen Freitags- und Schulanfangsgebet. Wie läuft sowas ab? „Mein erstes islamisches Freitagsgebet“ weiterlesen

Öfter mal ein neuer Lebensabschnitt

Erster Schultag. Zwar keine Schultüte, aber sowas wie ein Schritt von schwankenden Planken auf festes, wenn auch unerforschtes Land. Meine bisherigen Berufe, näm­lich Tontechniker, Tech-Journalist, Politiker, hatten mich nur so halb überzeugt. Aber mein kurzer Aushilfsjob als Schulbegleiter vor zwei Jahren war zwar definitiv an­strengend, dafür aber sinntragend: Ich kann dazu beitragen, dass ein Kind mit individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen eine Chance bekommt, und nicht an den Rand gedrängt wird. Das mach ich jetzt die nächsten 11 Monate, und darauf freu ich mich. Heute wars schonmal lustig. Ich glaube, ich mag Leute mit ADHS. Das Bild oben ist pd, von Allan Stewart und zeigt die Landung der Miniflotte Vasco Da Gamas in Südindien im Jahr 1498. So als Symbol für neues Land, auch wenn die konkrete Landung von Herrn Da Gama für die Südinder kein echter Grund zur Party war. Meine früheren Berufe kann ich ja weiter Nachmittags verfolgen, by the way, aber heute nicht, da hab ich mir statt der Schultüte Pizza und Radler bei Bob’s am Helmut-Haller-Platz spendiert und den Rest des Tages frei.

Chemnitz-Studie: Youtube verbreitet Extremismus

Genauer gesagt: Der Algorithmus auf Youtube, der dafür sorgen soll, dass möglichst viele Zuschauer möglichst lange bleiben und auf möglichst viele Videos klicken, damit Youtube ihnen möglichst viel Werbung zeigen kann. Der Trick, die Zuschauer an den Bildschirm zu fesseln, heisst: Immer noch krassere Sachen auffahren. Der in Berlin lebende Politik- und Sprachforscher Ray Serrato (Freie Uni Berlin) unter­suchte nach den aktuellen, bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Chemnitz (an­geb­lich aus­ge­löst durch einen von 400 Morden, die pro Jahr in Deutschland verübt werden), unter anderem mit einem Überfall auf das einzige jüdische Restaurant in der Stadt (das hatten wir doch schon mal vor 80 Jahren, oder?), die Empfehlungen, die Youtube seinen deutschen Nutzern gab, wenn sie nach Chemnitz und dem Geschehen dort suchten. „Chemnitz-Studie: Youtube verbreitet Extremismus“ weiterlesen

Rebel Galaxy Outlaw

Jetzt ist es raus: Der Nachfolger der besten Space-Sim für Einsteiger und/oder Joy­stickverweigerer, Rebel Galaxy, ist in Wirklichkeit das Prequel und heisst deswegen Rebel Galaxy Outlaw. Wer erinnert sich noch an die etwas heftige Tante Juno mit dem Hillbilly-Akzent, mit welcher der Protagonist in Rebel Galaxy seine Abenteuer zu bestehen hatte? Diesmal sehen wir Juno Markev als junge Weltraum-Tagediebin; eigentlich ist sie selbst die Protagonistin. Mit dem gewohnten Mundwerk, nur eben nicht mehr in der 2D-Sofaversion eines einigermassen feindlichen Weltraums, sondern als ausgewachsenen Space Shooter der Wing Commander Privateer Klasse (mit RPG + Trade-Part). „Rebel Galaxy Outlaw“ weiterlesen

Späte Ehre für die Entdeckerin der Radiosterne

Im Jahr 1974 wurde für die Entdeckung der Pulsare (Radiosterne) der Nobelpreis verliehen. Allerdings nicht an die Entdeckerin Jocelyn Bell Burnell, die schon 1967 als junge Astrophysikerin die Aufzeichnungen der frühen Radioteleskope aus­ge­wertet und das Ergebnis beschrieben hatte, sondern an einen männlichen Kol­legen, der am Bau des Teleskops beteiligt war. Kein akademischer Titel, kein Nobelpreis, oder? Jetzt und im Alter von 75 Jahren hat sie für diese grundlegende astro­nomische Entdeckung und ihr weiteres Lebenswerk den mit 3 Millionen US-Dollar dotierten Breakthrough Prize erhalten. Sie erklärte, das Geld für Bildungs­stipendien für Frauen und Nichtweisse Menschen bereitzustellen, damit auch diese Zugang zu einer akademischen Karriere erhalten können. Eigentlich wäre es ja Aufgabe der Gesellschaft, für Chancengleichheit zu sorgen, aber davor haben weite Teile der (männlichen) Bevölkerung wohl zu viel Angst. Diese emanzipierten Frauen könnten uns ja die Schwänze abschneiden, oder die Hälfte aller Nobelpreise bekommen. Je nachdem, was schlimmer ist. livescience, pic Roger W Haworth cc by sa

Das Märchen vom schlechten menschlichen Geruchssinn

Der US-Neurologe John P. McGann räumt mit der Legende auf, Menschen hätten von Natur aus einen schlechteren Geruchssinn als Tiere. Die organischen Belege dafür findet er im Aufbau der menschlichen Nase sowie des Geruchszentrums im Gehirn. Den Ursprung der Legende identifizierte er dagegen in den Schriften des ersten Ge­ruchs­forschers Paul Broca aus dem 18.Jahrhundert an der Fakultät für Medizin in Paris. „Das Märchen vom schlechten menschlichen Geruchssinn“ weiterlesen

Was kostet es, Nazis niederzuschlagen?

Vor einem Jahr war eine Frau am Rand eines Aufmarschs der extremen Rechten in Charlottesville, Virginia von einem US-Rassisten getötet worden, als dieser wut­entbrannt sein Auto in die Reihe der Gegendemonstranten gelenkt hatte. Der Ver­anstalter des „Unite The Right“ Umzugs, Jason Kessler, hatte anschliessend nichts besseres zu tun, als auf einer öffentlichen Pressekonferenz Heather Heyer, das Opfer, zu verhöhnen und die Schuld für alles der Polizei anzulasten. Und dann? „Was kostet es, Nazis niederzuschlagen?“ weiterlesen

IBM: Hautfarben-Filtersoftware für Überwachungskameras

Der Weltkonzern IBM (ja, die mit dem hässlichen Ruf, damals Volks­zählungs­maschinen an die Nazis geliefert zu haben, was den Holocaust viel effektiver machte) beliefert seit 2012 die New Yorker Polizei mit Software, die Über­wachungs­kameras via Software mit der Funkion bereichert, nach Hautfarben oder „Rassen“ auswählen zu können. Neue Softwareversionen lassen dann nicht mehr nach Hautfarbe suchen, sondern nach „Ethnizität“. Wie praktisch. Direkt gefragt: Seid ihr bescheuert, IBM? via boingboing

Ist Magnetband die Zukunft das Datenspeicherung?

Die weltweit gespeicherte Datenmenge steigt jährlich um etwa ein Drittel an. Wie schaffen wir das? Festplatten nehmen heute zwar mehr als 10 TeraByte auf, nächstes Jahr dann 30, in 10 Jahren wahrscheinlich 100, sind aber zu teuer, um sie in Hochlagerregalen zu stapeln. Dass Blue-Ray-Discs heute über 100 GigaByte fassen können, bringt uns nicht langfristig weiter, da optische Medien einem deutlichen Alterungsprozess unterworfen sind: „Ist Magnetband die Zukunft das Datenspeicherung?“ weiterlesen

Live Øya, Oslo: Chelsea Wolfe

Bemerkenswertes Live-Video vom diesjährigen Øya Festival in Oslo. Nicht genug damit, dass Chelsea Wolfe einfach eine herausragende kontemporäre Künstlerin ist, die Performance der Band gibt Hoffung darauf, dass sich im Doom-Gaze (oder wie immer man das nennen will) neues Leben entwickelt. Obwohl es ja eine ganze Reihe langsamer, tiefer gestimmter, moderner Metal-Bands aus dem Black- und Doom-Umfeld gibt, beschränken sich viele Sänger bei allem anerkennenswerten textlichen Existentialismus doch deprimierend oft auf’s Tierstimmen imitieren. Klare Frauenstimmen werden dagegen gerne mal dazu verwendet, geschmacksfernen Gothic-Kitsch zu produzieren. Zwischen diesen Antipoden gäbe es eigentlich genug kreativen Gestaltungsraum, allerdings wird dieser nur zögerlich genutzt. Um so dank­barer bin ich für die Leistung Chelseas. Ihr letztes Konzert in München (nächst­liegende Grosstadt) früher in diesem Jahr habe ich verpasst, das soll mir nicht noch mal passieren.