Was wir schon immer über Venus wissen wollten

Machen wir uns nichts vor: Gillette ist ein Unternehmen, das möglichst viel Profit machen will. Genauso wie die anderen Teile des Konzerns Procter & Gamble, zu dem die Rasiererfirma gehört. Allerdings haben sie in letzter Zeit durch unge­wöhn­liches Marketing Aufsehen erregt, so wie im Video „We Believe: The Best Men Can Be“ (siehe unten), das die Männlichkeit als Werbevehikel für Rasierer von ihrer toxischen Seite trennt – sehr zum Missfallen vieler Typen, die sich dadurch auf die Zehen getreten fühlen.

Ja, keine Frage, es ist richtig schwer, als Mann in unserer Gesellschaft nicht etwa Vorteile aus dem Patriarchat zu ziehen oder sich nicht daneben zu benehmen und sich trotzdem sicher zu fühlen. Aber trotzdem darf man sich, als Mann, ab und zu anhören, dass es nicht ok ist, sich wie ein Arsch aufzuführen. Und man(n) muss dann auch gar nicht eingeschnappt sein, sondern kann zur Abwechslung mal etwas Männlichkeit zeigen und zu seinen gelegentlich sichtbaren Problemen stehen. Ist auch garnicht so schwer: Ich laufe hier im turbokapitalistischen Süden der Republik die ganze Zeit als Alpha durch die Gegend und fordere von allen völlig selb­ver­ständlich Respekt ein, spare mir aber abwertendes Verhalten und reaktionäre Überlegenheitsphantasien Frauen gegenüber: Keine Nachteile, persönlich.

Aber weil es unternehmerisch unklug wäre, nur die Hälfte der Erdbevölkerung mit Rasurprodukten zu versorgen, hat die Firma auch eine Serie für Frauen: Gillette Venus. Und erregt prompt Aufmerksamkeit mit Werbebildern, die nicht dem patriarchal präferierten Frauenbild entsprechen, dem dünnen, hübschen, unbedarft-hilflosen Kindweib. Sondern Frauen mit Selbstbewusstsein und mehr Kilos auf den Rippen, als der durchschnittliche Nachwuchspatriarch sehen möchte. Extrembeispiel war letzte Woche das Pic mit Plus-Size-Model Anna (siehe oben). Das, wenig überraschend, den Zorn der Männerwelt erregte. Die aber hier gar nicht Käufer­innen­ziel­gruppe ist, sondern nur unbezahlter Werbeverstärker. Und es ist hier auch gar nicht wichtig, ob es Anna gut geht oder ob sie abnehmen möchte, sondern, darum, dass sie selbstbestimmt handelt – ein Verbrechen in den Augen der bisher Privilegierten und durch das XY-Chromosom Definierten. Aber gleichzeitig ist diese Selbstbestimmung aller einzelnen Menschen ein Entwicklungsziel unserer Zivilisation. Das wir entweder erreichen oder untergehen. Ich wäre dann eher für Weiterentwicklung und eher nicht so für die Apokalypse, die zwar einen befreienden, erlösenden, quasireligiösen Charme verspüht (selbst wenn es nur ein beschissene Klimakatastrophe wird, die weite Teile der Erde unbewohnbar macht), dafür aber alles zerstört. Schlechter Deal. Dann lieber Fortschritt, so im sozialen. Meinetwegen auch rasiert, auch das sollen alle selber entscheiden.

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