1. Mai – was soll das?

Heute ist der erste Mai, die Demos fallen wegen Corona aus. Ansonsten wäre heute der Kampftag der Arbeiterklasse, oder? Falsch. Heute ist der Feiertag für alle Leute, die so arm sind, dass sie arbeiten müssen, um leben zu können. Weil sie nicht über genug Besitz verfügen, der ihnen ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Diese „arbeitende Klasse“ (das bedeutet der ursprüngliche englische Begriff „working class“ nämlich) sind dann nicht nur Männer mit russverschmierten Gesichtern und andere ungelernte Hilfskräfte, sondern alle, die arbeiten. Wir alle.

Nicht nur im Stahlwerk, sondern eben auch an den unzähligen Schreibtischen, in Krankenhäusern (ja, auch Chefärzt*innen arbeiten), vor und hinter der Kamera, dem Mikrofon, dem Internet-PC oder Smartphone. Alle, die etwas tun müssen, damit sie in Zukunft immer noch essen können. Also fast alle Menschen. Und der erste Mai erinnert uns daran, dass wir die überwältigende Mehrheit sind. Warum bestimmt diese Mehrheit dann nicht, dass der Reichtum, den unsere Wissenschaft, Technik und Wirtschaft erzeugen, nicht einigermassen gleichmässig verteilt wird, sondern sieht regungslos zu, wie Einzelpersonen mehr Geld anhäufen als ganze Länder wert sind, während die Leute, die arbeiten und Leistung erbringen, nie vor Elend und Hunger sicher sind? Weil es diese wenigen Superreichen (in Deutschland besitzen knapp 50 Leute so viel wie die Häfte der Bevölkerung, also über 40 Millionen Menschen) hinkriegen, die Allgemeinheit in Gruppen zu zersplittern und diese gegeneinander aufzuhetzen. Die Ausländer. Die Moslems. Die Juden. Die Arbeiter. Die Anderen. Immer die Anderen. Divide et impera, bitches.

Mit diesem Trick, und mit dem Trick, so gut wie keine Steuern zu bezahlen, und dem Trick, seinen Mitarbeitern so wenig wie möglich zu geben, für die Produkte aber so viel wie möglich zu verlangen, lassen sich unvorstellbare Reichtümer anhäufen. Die von der arbeitenden Klasse erzeugt wurden. Dazu gehört eine Menge krimineller Energie, und die Mehrheit sollte sich darauf einigen, dass diese kriminelle Energie nicht länger frei wirken darf. Eigentlich sollte die Mehrheit beschliessen, was wirklich, wirklich reich genug ist und alles Einkommen und Vermögen über dieser Grenze mit 100% Steuern belegen. Das wird aber nicht klappen, solange sich die Mehrheit zersplittern und gegeneinander aufhetzen lässt, und solange besonders Dumme die Superreichen auch noch bewundern. Während sie an ständig neue Religionen glauben, an Chemtrails, an Reichsbürgertum, an Impfschäden, an die islamische Umvolkung Europas und den ganzen anderen bizarren Scheiss.

Religion ist das, was die Armen davon abhält, die Reichen zu ermorden, sagte Napoleon Bonaparte. Ein echt schlauer Mann, der ausserdem das Konzept „Nation“ soweit verfeinerte, dass seine nationale Armee ganz Europa in einen Beinahe-Weltkrieg stürzen konnte. Das war sozusagen die praktische Anwendung seiner Weisheit. Nation als Religion.

Jetzt mal unter uns: Ich habe nicht viel Hoffnung, dass sich die Situation für uns alle so schnell ändert. Um so wichtiger ist der erste Mai, um uns daran zu erinnern, dass wir, die arbeitende Klasse, unsere Rechte erkämpfen müssen. Gegen die grenzenlose Gier einiger Weniger. Unsere Rechte erkämpfen geht übrigens auch ohne Kalashnikow und mit Hilfe von Gewerkschaften, Konsumboykotten und der freien Meinungsäusserung: Wir verlangen unseren gerechten Anteil an unserer Leistung, und wir werden nicht aufhören, diesen zu verlangen. So. Und jetzt euch allen einen frohen ersten Mai!

1 Kommentar

  1. Dir auch nachträglich einen schönen 1. Mai. Das mit den 100 % Steuern über einem Limit sehe ich nicht kommen. Ich wäre allerdings schon zufrieden, wenn Steuern dort bezahlt würden, wo die Geschäfte getätigt werden. Das wäre zumindest mal ein guter Anfang.

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