Stuttgart: Wenn die Gewalt zurückkommt

Also haben tatsächlich mal Hunderte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einem kollektiven Wutausbruch einen kleinen Teil der Stuttgarter Innenstadt kaputtgeschlagen? Und das wundert irgendjemanden? Was tatsächlich passiert ist: Die Polizei hatte wieder mal nichts besseres zu tun, als einen Teenager zu belästigen, weil er eine womöglich cannabishaltige Zigarette dabei hatte. Ja, Cannabis ist verboten, sollte es aber nicht sein. Aus der Perspektive der jungen Leute ist dieses Gesetz nur dazu da, sie zu unterdrücken. Und damit haben sie recht.

Niemand wird durch das Cannabisverbot geschützt, weil Cannabis völlig ungefährlich ist. Im Gegensatz zu Alkohol, Tabak, Billigfleisch etc. Als die Teenager sich mit dem mutmasslichen Cannabisbesitzer solidarisieren (und zwar quer durch alle Haut­tönungen), reagiert die Polizei nicht etwa de-eskalierend sondern ganz im gewohnten Selbstverständnis von Gesetzeshütern, deren Handlungen nicht angezweifelt werden dürfen. Als das Polizeiaufgebot sich im Lauf der Nacht radikal vergrössert, entlädt sich die Wut der Jugendlichen gegen die glitzernden Symbole der Konsumreligion.

Mal unter uns: Es ist nicht richtig, Sachen kaputt zu machen oder mit Sachen nach Polizisten zu werfen. Aber es war unausweichlich, dass es dazu kommt. Und in Zukunft wieder kommen wird. Die jungen Leute werden als lästige Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen, die eben noch zu jung sind für die Arbeitswelt, zu arm für die Konsumreligion und zu wenig angepasst, um jedes Wort von Polizei­beamt*innen für eherne Wahrheit zu halten. Wer sich jetzt empört über die Gewalt in den Strassen der nach Eigendarstellung saubersten Stadt Deutschland, ist ein blöder Heuchler und soll seinen Rand halten. Jedenfalls, solange nicht alle Fälle von Polizeigewalt und Übergriffen durch staatliche Organe aufgeklärt sind. Nein, nicht alle Polizisten sind rassistisch und gewalttätig. Aber alle Polizisten (bis auf sehr wenige, die prompt entlassen werden) stellen sich gegen Rassismus und Machtmissbrauch. Nein, nicht alle Politiker (von einer Minderheit abgesehen) sind rassistisch und korrupt. Aber fast alle dulden Rassisten und Korrupte in ihren Reihen und machen sich dadurch mitschuldig. Auch mitschuldig an den kaputten Schaufensterscheiben in der Stuttgarter Innenstadt. Ich sags nochmal: Das war nicht gut, und es wird wieder passieren. Ich hoffe nur, dann wird niemand ernsthaft verletzt. Ausser wir alle lernen daraus und gestehen jungen Leuten ihren eigenen (durch Corona stark verkleinerten) Raum in der Gesellschaft zu. Unabhängig von Alter und Hautfarbe.
pic: Konstantin Polakov pd, farbverändert

3 Kommentare

  1. Das ist eine ziemlich verharmlosende Einschätzung, aber das weißt du selber. Schließlich hast eine Weile überlegt, bis du auf die verniedlichende Formulierung „einen kleinen Teil der Stuttgarter Innenstadt“ kamst, nicht wahr?

    Man muss nicht aus allen Straftaten den täglichen Klassenkampf ableiten. Man kann auch einfach mal unrelativierend sagen, dass Gewalt und mutwillige Zerstörung nicht in Ordnung sind und es dabei auch einfach mal belassen. Die kaputten Läden zahlen nun hoffentlich die (bösen) Versicherer, aber wer zahlt die nun höheren Policen? DAS ist unsolidarischer, assozialer Mist, wenn du mich fragst. Aber soweit denken solche Hools natürlich nicht.

    Und das ändert auch nichts an der Canabis-Frage, oder ob man Handy-Läden und Brillengeschäfte als Konsumreligion bezeichnet. Das eine hat mit dem anderen nämlich nichts zu tun, außer wenn Leute Einlassungen wie deine sehen und sich in ihrer Aggressivität dem bösen Staat gegenüber bestätigt fühlen.

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  2. > Niemand wird durch das Cannabisverbot geschützt, weil Cannabis völlig ungefährlich ist.

    Mit solchen Aussagen wäre ich eher sparsam. Sie machen einen nicht gerade glaubwürdiger.

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  3. Dieser Blog wird jetzt vom Verf. Schutz beobachtet.

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