Musiktheorie ist Rassismus

Schon lange wächst in mir die Überzeugung, dass man alle „klassische“ Musik vor 1850 besser verbrennen und vergessen sollte. Vielleicht mit Ausnahme einiger weniger Partituren für wissenschaftliche Zwecke. Aber in unserer Kultur hat diese „Klassik“ in meiner wie erwähnt wachsenden Überzeugung nichts mehr zu suchen. Meine Argumente waren hier zunächst eher musikalischer Art:

Die in unserer (westlichen) Gesellschaft so hochgehaltene „klassische“ Musik ist eigentlich gar keine, die einen solchen Namen verdient, weil sie sich auf einzelne Elemente von Musik konzentriert und andere ignoriert. Anschaulicher: Weder Bach noch Beethoven haben ein Drum Kit oder Percussion dabei. Man kann nicht dazu tanzen. Nutzloses Geflöte also.

Präziser können das natürlich Musiktheoretiker ausführen, die uns zeigen können, dass „Musiktheorie“, also das Bejubeln der europäischen, mehrheitlich deutschen Kompositionstechnik aus dem 18.Jahrhundert, ein Instrument des Rassismus (incl. Antisemitismus) ist. Das dazu dient, die behauptete Überlegenheit der weissen Rasse (besonders des deutschen Teils davon) zu zementieren. Indem man die Kompo­sitionen ausführlich analysiert und dann findet, dass Musik aus anderen Ländern ja nicht exakt so ist wie die zentraleuropäische. Und deswegen schlechter, und ein Beweis für die natürliche Unterlegenheit der anderen „Rassen“. Fuck You, weisse Überlegenheitsreligion. Wirklich, fuck you.

Zur Erklärung muss ich hinzusetzen, dass unser Begriff „Rasse“ aus dem englischen „race“ übersetzt ist, der aber ursprünglich nicht Hautfarbe meinte, sondern die Zuge­hörigkeit zur „upper“ oder „lower“ race (heute oder seit Marx würden wir class, oder Klasse dazu sagen) beschrieb, wobei „lower“ dann später auf alle Unterschichts­mitglieder ungeachtet des Teints ausgedehnt wurde. Die upper race sind also der Adel und das besitzende Bürgertum, und für diese Mischpoke ist natürlich der kulturelle Ausdruck ihrer natürlichen Überlegenheit in Form von Beethoven-Symphonien extrem wichtig. Tatsächlich hat die Realität schon längst diesen Anspruch in den Boden getreten und 99,irgendwas % der heutigen Musik, die uns umgibt, ist Popmusik mit starken Einflüssen aus Afrika und Arabien. Nur geben wir immer noch beträchtliche Teile unseres öffentlichen Kulturetats für Konzertsäle, Opernhäuser, klassische Musikausbildung aus, statt zu akzeptieren, dass das alles vielleicht mal eine Riesen­sache war, aber heute nur noch eine Form unter vielen darstellt.

In diesem Licht erklärt sich mein starkes Unbehagen gegenüber der „Klassik“, ich bin nämlich erklärter Feind von Rassismus und jeder anderen Form von Diskriminierung und gehe selbverständlich davon aus, dass alle Menschen eben Menschen sind, und ausserdem gleich an Rechten und Fähigkeiten, und dass die These, unterschiedliche Hautfarben oder Kulturen seine unterschiedlich viel wert, nur zur Rechtfertigung für Kolonialismus, Ausbeutung und Gewalt dient.

Um hier einen Friedensprozess einzuleiten, erkläre ich mich bereit, auf die Forderung nach Verbrennung und Verbannung des nutzlosen Geflötes zu verzichten, wenn wir im Gegenzug einen öffentlichen Diskurs beginnen, der uns die rassistische Tragweite dieser Kulturform aus dem 18. Jahrhundert verdeutlicht. Ich will also, dass unsere Kinder und Jugendlichen mit afrikanischer, arabischer, indischer, chinesischer Musik (um nur ein paar Beispiele zu nennen) konfrontiert werden, statt nur mit dieser einseitigen, auf blosse Harmonien reduzierten, aus dem zentraleuropäischen 18. Jahrhundert. Ich halte diese öffentliche Diskussion für absolut wichtig und überfällig, weil uns die in Stein gemauerte Entwürdigung anderer Kulturen in unserem Land gar nicht bewusst ist. Lasst mich den puertoricanischen Soziologen Eduardo Bonilla-Silva zitieren: „Für die meisten Weissen ist Rassismus ein Vorurteil, für die meisten Farbigen aber ein System und eine Institution“. Wir müssen diese Institution niederbrennen, dann darf Bach meinetwegen bleiben. Deal?

Weiterführende Info: Philip A. Ewell, Music Theory and the White Racial Frame

5 Kommentare

  1. Weg mit der Kultur. Braucht wirklich keiner. Laßt uns wieder Bücher und Partituren verbrennen.

    Bis zur Frage: wollt ihr den totalen Krieg? Und alle: Jaaaa!!!!….. auf ins Verderben!

    Zur Info: ich bezeichne mich als „Alt-Links“ in Tradition von Sahra Wagenknecht. Die keiner mögen muß. Ich mag sie. Sie ist mein Jahrgang. Außerdem ist sie Iranerin. Finde ich auch klasse…

    Gruß

    Thomas

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    • Banaler wirds jetzt auch nicht mehr. Und Text lesen vor dem kommentieren ist auch ausser Mode gekommen.

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  2. letzte woche über dieses video auf facebook diskutiert und prompt einen kollegen aus russland gefunden, der sich als lebendes beispiel für, na sagen wir mal, „chauvinismus“ im sinne einer etwas verkürzten musiktheorie-theorie zur verfügung stellte.

    er begann gleich mit dem eingemachten und stellte anlasslos fest, dass natürlich – wie könnte es auch anders sein – nur der westen im prinzip die ganze musiktheorie erfunden hat, und dass das dort maßgeblich mit der kirche und der kirchenmusik zusammenhängt.

    hinweise auf pythagoras, isidor, indien oder naturvölker verhallten in seinem leeren kopf, und alsbald stellte sich heraus, dass er gar keine andere möglichkeit hatte als die westliche kirchenmusik als mittelpunkt aller musiktheorfie zu sehen, da er eben einfach unter „musiktheorie“ alles subsummiert, was mit 12 tone scales und der ursprünglichen entwicklung der polyphonie zu tun hat.

    dass eine weiterentwicklung nach dem einfluss der kirchenmusik auch „musiktheorie“ ist, und man somit eben auch die wurzeln von blues, jazz, oder neuer musik darunter fallen, ignorierte er ebenso wie die tatsache, dass balinesischen mönche schon seit 3000 jahren polyphone singen, wäjhrend es das in der kirche erst seit dem 9. jahrhundert gibt.

    sein abschließendes gegenbeispiel war das ein pauschales urteil, das wörtlich lautete: „der islam hat gar keine musik“.

    und so diente er, je mehr er gegen den tenor des videos argumentierte, nur als perfektes lebendes beispiel dafür, dass die überschrift „musiktheorie ist rassismus“ offenbar doch der wahrheit entspricht.

    die schlussfolgerung die du ziehst, finde ich übrigens auch falsch.

    es gibt keinen grund dafür, dass man selbst alles vergessen muss, was der eigenen tradition entspricht, nur weil andere tradition generell missbrauchen. keine westerne classic mehr zu hören ist ist so ein bischen wie 2021 das kindergeld abschaffen zu wollen, nur weil das der böse hitler das einst eingeführt hat.

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    • Ah, bitte missversteh mich nicht. Ich persönlich finde langweiligen alten Kram vor 1850 langweilig, aber die Überlegensfantasien der selbsternannten weissen Rasse müssen eben auch im mir wichtigen Musikbereich bekämpft werden. 2 verschiedene Punkte. Ich denke, ich hatte das auch irgendwie so dargestellt. Vielleicht nicht klar genug. Also mach mit Beethoven, was du willst, aber lass uns Dudes (wie den aus deinem Beispiel) auslachen, die sich irgendwelche Begründungen erträumen.

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  3. Verehrter Fritz,

    meine unmaßgebliche Meinung zur vorgeschlagenen Verbannung der Klassischen Musik möchte ich wie folgt zum Ausdruck bringen:

    1. Wissenschaft ist, um ein wenig beim erwähnten Karl Marx zu bleiben, Teil des gesellschaftlichen Überbaus. Alle Wissenschaft geht mit der Ideologiebildung Hand in Hand, sie macht sich zur Legitimation von Herrschaft dienstbar genauso wie sie zur Formulierung oppositioneller Positionen hilft (Galileo Galilei, Charles Darwin, Marx & Engels seien dafür als prominente Beispiele erwähnt). Die Musikwissenschaft bildet da keine Ausnahme, sie kennt althergebrachte Klassen-Arroganz ebenso wie die Suche nach Argumenten für die Befreiung von eben dieser Arroganz.

    2. Die so genannte „Klassische Musik“ ist eine historische Fiktion. „Klassische“ Musik war immer die Musik ihrer Zeit, und so singen, tanzen, trommeln und pfeifen alle Beteiligten seit je her für Gott und Vaterland oder genau dagegen, für den Adel und die Kirche und für die Bauern und die Revolution, oft genug gleichzeitig. Das gilt auch für die zeitgenössische Musik der 99%. Aktuelles Beispiel: der letztjährige Sommer-Dance-Hit „Bella Ciao“. War das Antifaschismus oder konsumistisches Geschrammel? Die Künstler des Dresdener Staatstheaters/ Staatsoper bekämpften Pegida lautstark mit Beethoven, letzterer zeitlebens ein großer Fan von „Liberté, Egalité, Fraternité.“

    3. Die Laute der Renaissance entstand aus der arabischen oud. (Über Al Andaluz haben uns die Araber eine ganze Menge Musik untergejubelt!) Aus der Lautenmusik des Barock ging die europäische Verwendung der Gitarre hervor und was man mit einer Gitarre Hübsches machen kann, wissen Sie besser als ich. Alle Musik ist mit zahllosen Einflüssen, Ideen und Moden aus anderer Musik durchsetzt und das war und ist immer so und muss auch so sein, denn Musik ist eine gesellschaftliche Ausdrucksform und Gesellschaft entwickelt sich auch mit zahllosen Einflüssen, Ideen und Moden aus anderen Gesellschaften. ob man das will oder nicht.

    4. Rassismus ist im Kapitalismus funktional, eine Ideologie um Konkurrenz auszuschalten. Wie das funktioniert, weiß jeder, der mit einem türkischen Namen eine Wohnung mieten will. Wer mit einem deutschen Namen eine Wohnung bekommt, könnte es auch wissen, will es aber meistens nicht.

    Wie werden wir das ändern? Das Wegschmeißen alter Partituren und dummer Bücher wird uns dabei nicht wirklich helfen. Die Vergangenheit gründlich zu studieren könnte nützlich sein. Früher war man „mit allen Wassern gewaschen.“ Ich plädiere dafür, aus allen Quellen des kulturellen Reichtums mindestens ein Schlückchen zu probieren, auch oder gerade wenn sie schon seit vielen Jahrtausenden fließen, wie die Musik.

    Herzliche Grüße

    Martin

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