Das Blutbad im PC-Gehäuse

Vor vier Wochen fing alles an. Plötzlich wollte mein Desktop-PC, Kommu­nika­tions­zentrale, Tor zur Welt, Archiv meiner Aktivitäten und Unter­hal­tungs­multitalent beim Starten kein Bild mehr zeigen. Oh, dachte ich. Am Kabel rütteln hilft, dann sollte ich wohl mal das VGA-Kabel aus dem späten 16. Jahrhundert gegen ein modernes HDMI tauschen. Aber wir haben ja grade Corona, und man kann nicht so einfach in den Laden gehen und was holen. Also Bestellen und Postweg. Dauert auch nur wenige Tage. Fast forward:

Wenige Tage später ist das neue Kabel in Aktion, aber die Start­schwierigkeiten hören nicht auf. Der Monitor funktioniert, wenn ich ihn an das Notebook anschliesse, also ist es wohl die Grafikkarte. Oder eine ihrer Anschlüsse. Egal, die gute Radeon 460 war eh nicht mehr Stand der Technik, eine neue könnte also nicht schaden. Mittlerweile ist immer noch Corona, alle sitzen zuhause und zocken oder bessern das Kurz­arbeiter­geld mit Kryptomining auf und Grafikkarten sind praktisch ausverkauft. Mit viel Glück finde ich eine Radeon 570 zum akzeptablen Preis, die fast so viel PS hat wie eine 5500, und mehr als eine Geforce 1650 (diese Kategorie genügt mir, mehr als 1920 mal 1080 Auflösung seh ich sowieso nicht mehr). Nach wenigen Tagen ist sie eingebaut…

Nur kommt immernoch kein Bild. Aber in den einschlägigen Foren lerne ich, dass hier das Mainboard als Hauptschuldiger in Frage kommt, und dass man durch kurzzeitiges Entfernen der Biosbatterie einen Reset durchführen kann… was auch meinen PC wieder zu angemessener Grafikdarstellung verleitet. Oh, war dann die Grafikkarte gar nicht das Problem? Soll ich sie vielleicht zurückgeben? Leider nein, wenige Tage später helfen alle Tricks nicht mehr und ich muss einsehen, dass das Board kaputt ist. Also neues Mainboard, Prozessor, Arbeitsspeicher, Kühler, weil die 5 Jahre alten Teile in meinem PC natürlich mit nichts aus aktueller Produktion kompatibel sind. Aber immer noch billiger als ein neuer Komplett-PC. Verkompliziert wird die Lieferung durch den plötzlichen Polareinbruch mit Temperaturen unter -20°C und gefühlt meterhohen Schneewehen.

Aber natürlich kommt alles bei mir an, wenn auch leicht.. mittel.. stark verzögert, und eine muntere Einbausession später werfe ich hoffnungsvoll den Rechner an… mit dem bekannten Ergebnis. Rechner läuft. Kein Bild. Spätestens jetzt fühle ich, wie der Wahnsinn mit kalten Fingern nach mir greift. In Erinnerung daran, dass ich noch zu jung bin, um zu sterben und immerhin den kleineren Teil meines Lebens noch vor mir habe, finde ich einen Reparaturservice (trotz Corona) und lass ihn nachsehen. Dauert nicht lange, war ein banaler Fehler meinerseits beim Zusammenbauen: An der Mainboard-Anschlussplatte (für die externen Geräte) ragte ein Metallzacken in einen USB-Port (statt daneben) und verursachte so beim Einstecken von Maus, Keyboard, whatever, einen Kurzschluss. Das war durch Aus- und Wiedereinbau des Mainboards behebbar. Und tatsächlich leuchtet und glitzert der Bildschirm wieder, wie am ersten Tag. Nur, Moment…

Der wohlmeinende Reparateur hat (in bester Absicht) die Windows-Wiederherstellung laufen lassen und damit den Bootmanager meines Dualbootsystems zerballert. Und meine ganzen Daten liegen auf der Linux Partition, Windows ist bei mir nur zum Spielen da. Ok, macht nichts, man hat ja Zeit, um in Insider-Foren herauszufinden, wie sich ein zertrampelter Grub Bootmanager wiederherstellen lässt. Was ich machen muss, um meine ganzen Daten sichern zu können. Was auch klappt (ich musste nur die virtuellen Laufwerke manuell neu einhängen und den Bootmanager von einem Linux-USB-Bootmedium aus neustarten), so dass ich wenige Stunden später ein funktionierendes Dualbootsystem habe. Das allerdings bei geringer Belastung (alles jenseits von Emails lesen) abstürzt. Ja, klar, ich hab ja die Hardware ausgetauscht, ich muss einfach beide Betriebssysteme neu installieren.

Also Daten sichern und zuerst Windows neu aufspielen. Das lässt sich aber nicht registrieren. Geht nicht. Sagt auch nicht wirklich, warum. Die etwa 5 Jahre alte, legal erworbene Windows 8.1-DVD hat diverse Neuinstallationen abgeliefert, kriegt jetzt aber kein OK mehr vom Windows-Authentifizierungsserver. Nach einigem Lesen (in diesem Internet) hab ich verstanden, dass Microsoft alte OEM-Volumenlizenzen, die nach EU-Recht legal weiterverkauft werden dürfen, irgendwann einfach für ungültig erklärt. Richtig, an dieser Stelle könnte ich Microsoft verklagen, aber eigentlich wollte ich einen funktionierenden PC… und eine neue, legale Windows 10 Volumenlizenz kostet auch nur eine Handvoll Euro. In diesem Internet. Ok, dann mach ich das eben. Und dazu ein neues Ubuntu Linux, dass sich wie immer ohne Mucks in 10 Minuten installieren lässt, und als einzige Anweisung „bitte installiere dich neben Windows“ benötigt. Yeah! Fertig! Gleich mal testen!

Bluescreen. Absturz. Driverprobleme. Seltsamerweise stürzen beide Betriebssysteme unter Last ab, und der Speichertest schägt Alarm. Ist es am Ende doch der RAM-Baustein? Kann ich den umtauschen? Ja, sagt der Servicemann bei meinem Versandhändler, und den schicken sie gleich an meine örtliche Filiale, dann kann ich den mit Klick und Collect umtauschen. Supersache, allerdings rät mir die örtliche Niederlassung bei der Terminvereinbarung, ich solle doch, um sicher zu gehen, mal testweise den Arbeitstakt des RAM im BIOS hochstellen (Kein Problem, bringt aber nichts) und mal schnell ein BIOS-Update machen. Klar, dauert ja nicht lange. Nur… war das nicht die brillianteste Idee ever, bei vorhandenen Hardwareproblemen. Also bricht das BIOS-Update ab, und nach Neustart zeigt der Rechner nur noch die grundsätzlichsten Lebensfunktionen an. So knapp über Flatline (und natürlich kein Bild auf dem Monitor). Irgendwann muss Schluss sein, oder?

Also bringe ich die fraglichen Teile (Mainboard mit CPU, Lüfter und RAM) ausgebaut in die Filiale. Und kaum ist die Woche vorbei, kann ich meine Sachen abholen. Das Mainboard war kaputt (ach…) und wurde auf Kulanz ausgetauscht. Und jetzt? Fühle ich mich so, als hätte ich einen Vulkanausbruch mit Alieninvasion und angekündigtem, aber dann kurzfristip abgesagten Jüngsten Gericht hinter mir. Einmal Siliconhölle und zurück, vier Wochen all inclusive. Das Bild oben zeigt mich in meinen üblichen schwarzen Klamotten, wie ich gerade blind vor Wut mit dem Morgenstern auf das Mainboard und den CPU-Kühler eindresche und ist cc by sa. Mit dem Lieferanten, der aber nur hier in Südwestdeutschland Filialen betreibt, bin ich am Ende sehr zufrieden (Name reimt sich auf Arlt). Preise und Service sind cool. Ich glaube, der nächste Rechner (so in fünf Jahren) wird dann aber wieder ein Komplett-PC.

p.s. Läuft wieder wie frisch geölt, 3Dmark rennt ohne Absturz und behauptet, das Ergebnis wäre „great“, nur… hab… ich… das Passwort der Linux-Partition vergessen. Die mit meinen ganzen Daten (Emails, Office etc). Also muss ich in den root hinabklettern, den schwarzen, pelzigen Unterleib des grossen Pinguin, und dort per Kommandozeile für Ordnung sorgen. Machbar. Hab schlimmeres erlebt. Siehe oben.

3 Kommentare

  1. Oh du ärmster. Ich kenne das zu gut. Ich versuche immer genügend Ersatzteile da zu haben.
    In einschlägigen Foren gibt es Marktplätze, war das keine Option für dich?

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    • Die Foren waren definitiv hilfreich, aber einen Vorrat an Ersatzteilen werde ich mir wahrscheinlich nicht zulegen. Und ich hab dabei ja mehr gelernt, als ich vorhatte.

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  2. Waaa, die Hölle. Was so ein kleines Anfangsproblem für einen Rattenschwanz nach sich zieht 🤯 Schön geschrieben 👍

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