Als Bierbrauen noch Hexenwerk war

Was wir heute als klischeehafte Äusserlichkeiten von Hexen kennen, nämlich der Besen, die Katze, der Braukessel und der spitze schwarze Hut, hat solide historische Grundlagen. Vor Beginn der allerersten zaghaften Industrialisierung, dem Beginn der Neuzeit, der Inquisition und Reformation war Bierherstellung wie andere Arten der Lebensmittelverarbeitung in Europa Frauensache und Teil der Haushaltsführung. Da man zur Mitte des zweiten Jahrtausends in Nähe von Siedlungen ungekochtes Wasser nur unter Lebensgefahr trinken konnte, verbrauchten die Menschen grosse Mengen von Wein, und noch lieber das billiger herzustellende und nahrhafte Bier.

Das Brauen war eine Wirtschaftstätigkeit, die von Frauen in Teil- oder Vollzeit aus­geführt werden konnte und damit Witwen wie Unverheirateten eine Broterwerb verschaffte. Weil Bier aus Getreide hergestellt wird, musste ein solcher Haushalt zwingend über Katzen verfügen, um die Mäuse in Schach zu halten. Der Kessel über dem Feuer blubberte unentwegt, weil sich Bier zu jener Zeit noch nicht haltbar machen liess und nach wenigen Tagen sauer wurde. Der Besen über der Tür signalisierte, dass in diesem Haus Bier gebraut und verkauft wurde, während der spitze schwarze Hut aus der Mode jener Zeit stammt und ausserdem seiner Trägerin auf dem Markt und auf den Strassen eine gute Sichtbarkeit und damit besseren Umsatz verschaffte.

Tatsächlich wurden dem Bier (eigentlich Ale, damals noch ohne Hopfen) Kräuter beigemischt, um es bekömmlicher und stärker zu machen. Das allerdings ging zu Ende, als zu Beginn der Neuzeit (so um 1500) Hopfen zum Haltbarmachen von Bier verwendet wurde, was es zur Handelsware mit frühindustrieller Bedeutung machte. Und als das Christentum eine Radikalisierung erlebte, die mit Inquisition, Reformation, Antisemitismus und eben Hexenverfolgung einherging. Frauen sollten nach dem Willen der neoradikalen Christen ihre Unabhängigkeit verlieren, Bier als Handelsware den männlich dominierten Grossbetrieben in weltlichem und kirchlichem Besitz vor­be­halten bleiben. Nicht von ungefähr wurden seit Einführung eines „Reinheits­gebots“ Biersorten gerne mit dem Zusatz „Kloster“ oder „Mönch“ versehen.

Frauen, die sich nicht an die neue Wirtschaftsordnung halten wollten, galten als Gefährtinnen des Teufels, als Hexen und Anwärterinnen auf den Scheiterhaufen. Seither, bis zum heutigen Tag, gilt Bier als Männergetränk und Fundament der maskulinen Weltordnung. Die Rache der Hexen, ihrer Braukunst und der alten Religion allerdings sind die im Hopfen so reichlich enthaltenen Pflanzenöstrogene, die an Männern bei übermässigem Genuss des Hexentranks zu hormonellen Veränder­ungen führen. Die Märchen von der bösen Hexe sind also nur Überlieferungen aus einer Zeit des gesellschaftlichen, frühkapitalistischen Umbruchs mit der Komponente einer religiösen Radikalisierung. Es ist höchste Zeit, die (frühneuzeitlichen) Märchen umzuschreiben, die Verteufelung der unabhängigen Frau zu beenden und das Bier einfach nur als nahrhaftes, belebendes Getränk zu geniessen. Ohne Scheiterhaufen, Inquisition, und mafiöse Geschäftsmethoden. Prost.

Quellen:
Clint Witchalls in conversation
Felicity Roberts in theovercast
Richard W. Unger via researchgate
Danielle Wayda in vice

pic David Loggan pd

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