Corona und der Aufstand des Mainstreams

Der Virus tobt in der mittlerweile dritten Welle durchs Land, und die Anti-Corona- oder sogenannten Grundrechte-Demos nehmen ebenfalls zu. Rein medizinisch betrachtet ist es eine geradezu pathologische Realitätsverweigerung, mit Tausenden von Anderen ohne Abstand und Maske durch Innenstädte zu pilgern und dabei, bei Anwesenheit von Nachwuchsnazis und Antisemiten, das Ende einer subjektiv empfundenen Diktatur zu fordern. Dabei erkennen wir die Teilnehmer dieser Umzüge keineswegs als Unzufriedene, Benachteiligte, Marginalisierte, sondern als typische Vertreter der „Mitte der Gesellschaft“, einem Bevölkerungsteil ohne materielle Sorgen, ohne Not, ohne Angst.

Entsprechend fordern die Protestierenden in keiner Verfassung verzeichnete Rechte wie „Herumlaufen ohne Maske“, „Einkaufen, wann man möchte“, „Sofort in den Urlaub fliegen“ oder „Nicht mehr über den Virus reden“. Und das, obwohl die aktuelle Covid19-Pandemie in unserem Land bislang bereits 77.000 Menschenleben gefordert hat? Wenn man die erschreckende Zahl allerdings umrechnet, bedeutet das weniger als ein Todesopfer auf 1000 Bewohner Deutschlands. Und wer kennt schon 1000 Menschen persönlich, wer hat eine subjektive Erfahrung mit der ansteckenden Krankheit? Oder wer macht sich Gedanken über die doppelte Zahl an Todesfällen durch Rauchen, und fordert gesetzliche Regelungen? Niemand, zumindest nicht unter den plötzlich als Grundrechtsfans auftretenden Ottonormalbürgern. Weil: Sterben müssen immer nur die anderen. Man selbst möchte davon nicht betroffen sein, und deswegen auch nichts davon hören. Deswegen treibt es Tausende auf die Strasse, wo sie ein Ende der Pandemieberichterstattung, des Konsumverzichts, und das Einlösen aller Wohlstandsversprechen einfordern.

Man muss sich nicht wundern, dass die Polizeikräfte fast aller Bundesländer untätig bis wohlwollend am Rand dieser Proteste gegen die Unbequemlichkeit stehen – ist die Polizei doch der sinnbildliche Garant für die konsumfreudige, problembefreite Normalität eines deutschen Staates, dessen Bewohner gemeinsam von einer ewigen Fortsetzung des Wirtschaftswunders träumen. Eines Wunders, das für alle gelten soll, die so sind wie man selbst. Nicht für Minderheiten, für Arme, für chronisch Kranke, für alle, die das schöne Bild trüben könnten. Ja, die Haltung der Coronaprotestierer wirkt extrem egoistisch. Aber es ist ein kollektiver Egoismus, der sich aus der nachkriegsdeutschen Identität des Bürgers als unpolitisches Rädchen eines grossen, mächtigen, Nahrung und Schutz spendenden Wirtschaftssystems speist. Was da auf die Strasse geht und sich an keine Regeln hält, ist das deutsche Bürgertum, einschliesslich der Polizeibehörden, der bürgerlichen Parteien, der bürgerlichen Medien, aller Vertreter einer mühsam aufrecht gehaltenen Normalität. Deswegen werden tätliche Angriffe und Steinwürfe gegen Pressevertreter ebenso geduldet wie Nazisymbole und antisemitische Parolen – weil das alles zur Mitte der Gesellschaft zählt. Die nun mal aggressiv reagiert, wenn ihr die Hostien der Konsumreligion vorenthalten werden. Gibt es einen Weg aus dieser unschönen Situation?

Ja, natürlich, indem wir uns klarmachen, dass alle Fortschritte und Freiheiten, die wir heute geniessen, gegen die Trägheit der gesellschaftlichen Mitte erkämpft werden mussten. Deswegen muss dieser Kampf für Fortschritt weitergeführt werden, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, damit unser Land (das gilt aber für alle Länder) nicht unter der trägen Masse des Konsumbürgertums erstickt. Das müssen wir uns klarmachen, und danach müssen wir handeln. An der Wahlurne ebenso wie im Alltag.

Das hübsche Foto zur aktuellen Situation ist von Alexandra und cc0

4 Kommentare

  1. Hat dies auf Netboxda! rebloggt und kommentierte:
    Bei diesem Beitrag bin ich voll dabei, danke!

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  2. Bei diesen Beitrag bin ich voll dabei, danke, dass das mal gesagt wurde!

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  3. es sind 77,000 menschen an der krankheit gestorben? na und? an der impfung sind schon 3 gestorben!

    vielleicht oder so. hab ich gehört. aus sicheren quellen.

    du hast eben einfach nicht verstanden, dass 4 ist mehr als 77,000 ist!
    ;)

    aber scherz beiseite, ich würde ja nicht ganz so radikal rangehen bei der analyse.

    bei allem was bei meinen namensvettern von der 110 schief läuft, aber keine polizei der welt hält eine friedliche demo mit 20,000 teilnehmern so ohne weiteres auf – und zwar auch dann nicht, wenn sie die anmelde-zahlen zur kenntnis nimmt und sich ordentlich darauf vorbereitet.

    und man sollte auch zwischen den quatschdenker-anmeldern, die bewusst querfront tendenzen im schilde führen, und denen, die sich deutlich von rockern, hools und faschisten distanzieren, differenzieren, weil es kontraproduktiv ist, die alle in einen topf zu werfen.

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  4. Hat dies auf dinnerfornoone rebloggt.

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