Ave Maria, bete für unsere Sündenböcke

Vor zwei Wochen, in den Herbstferien, war ich in Bozen. Nur ein paar Tage, mit meiner Freundin, so zum Abschalten. Sehr nett dort. Wenn man schon mal da ist, kann man auch in diese Riesenhäuser mit religiöser Ornamentierung reinkucken. Bin ja in einem nach Eigenangaben christlichen Land aufgewachsen. Und da ist er auch schon, der Seitenaltar für die angebliche Jungfrau Maria, Mutter des angeblichen Religions-gründers Jesus aus Nazareth. Mit der bestickten Altardecke: „Ave Maria, Ora Pro Nobis“. Ja, warum soll eigentlich die Mutter des erwähnten Apostaten – er stellte sich, zumindest dem Buch nach, gegen seine jüdische Religion und behauptete frevlerisch, selbst der Sohn Gottes zu sein, was in der Antike immer zur Hinrichtung führte, no matter what – warum soll dessen Mutter für uns beten?

Können wir das – vorausgesetzt wir sind Teil dieser Glaubensgemeinschaft – nicht auch selber? Überhaupt ist ein solcher Marienaltar Zeugnis der ganz besonderen Assimilationsfähigkeit des Katholizismus, die aus einer streng monotheistischen Wüstenreligion durch Hinzunahme der in Mitteleuropa beliebten Muttergöttin sowie zahlloser Heiliger ein Glaubenskonstrukt formte, mit dem nun wirklich alle zufrieden sein sollten. Und gleichzeitig ein bürokratisches Monster schuf, das die Erlösung von der per Geburt geerbten Schuld (die einen vom ewigen Leben im Paradies abhalten würde) von der Beichte an und Vergebung durch die irdischen Vertreter der Religion abhängig machte. Ein perfekter Machtapparat also. Abscheulich, nicht war?

Ich frage mich hier aber, ob die besondere Fürbitte durch die (behauptete) Gottes-mutter je ausreichte, um die unbeschreiblichen Verbrechen zu rechtfertigen, die aus der unseligen Verschmelzung der christlichen Überlegenheitsreligion mit der Alleinstellungfantasie der „weissen Rasse“ (also Europäern) entstanden. Abschlachten von indigenen Völkern in Amerika, Afrika, Asien, Australien, bis hin zum Holocaust.

Eine morbider Überlegenheitsglaube, der so nur im (gegenüber seinen Ursprüngen, siehe Bergpredigt) Christentum entstehen konnte, ganz anders als in den Wüstengeschwisterreligionnen Judaismus und Islam. Letzteren verwechseln manche mit dem extremistischen, im 18. Jahrhundert erfundenen Wahabismus, vergleichbar mit dem faschistischen US-Evangelikalismus, aber das ist nur ein Bildungsproblem.

Nein, ich glaube, Maria, die Schmerzensreiche ist hier überfordert mit der Fürbitte für sowohl Täter als auch Opfer (die sollen nicht vergessen werden) eines jahrtausende-langen, ideologisch unterfütterten Gewaltrauschs. Ich finde, wir sollten Maria da rauslassen. Die hat auch mal ne Pause verdient. Und ich finde, wir sollten dem islamischen Sufismus (eigentlich der Mainstream-Einfluss dieser Religion) zuhören, der beschreibt, das Glaube nur im Gespräch zwischen Mensch und Gott stattfindet. Sonst nirgendwo. Nicht in Beichtstühlen, nicht auf Schlachtfeldern, nicht in Konzentrationslagern. Schon gar nicht an den Rockzipfel von Mama Maria geklammert. Werdet endlich erwachsen. Amen.

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