Der Ukraine-Konflikt ist ein schlechter Witz

[Update 26.2.2022 Damit es hier keine Missverständnisse gibt: Die Situation ist mittlerweile vollkommen anders. Putrin und sein Neu-Zarenreich haben es nicht geschafft, sich durch die komplexe Situation zu navigieren, sondern sind statt dessen dabei, die ganze Ukraine militärisch zu erobern. Die Welt muss jetzt Wege des Widerstands finden.] Aktuell steht die Welt am Rand eines Kriegs, unter Beteiligung Russlands und der USA. So etwas ähnliches wie ein Weltkrieg also. Zumindest sagen das manche US-Politiker. Allerdings fällt das ganze Szenario aus dem Kalten Krieg in sich zusammen (wie ein proverbiales Kartenhaus), wenn man die Geschichte der Ukraine und die daraus folgende heutige Situation betrachtet. Also: Seit wann gibt es eine ukrainische Nation und warum?

Im Mittelalter war das Gebiet der heutigen Ukraine aufgeteilt in einen Süden (Schwarz-meerküste) unter osmanischer, einen Osten (d.h. östlich des Dnepr) incl. Krim unter russischer und einen Westen (westlich des Dnepr) unter polnischer Herrschaft. Erst im ersten Weltkrieg definierten die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn ein ukrainisches Staatsgebiet, das sie damit der russischen, osmanischen und polnisch-litauischen Kontrolle entzogen. Nach dem ersten Weltkrieg führte die Entstehung der Sowjetunion zur Neuordnung der Ukraine, wobei die Krim erst 1954 dazu kam.

Entsprechend ist die Verteilung der beiden Hauptsprachen des Landes: würde man die Bevölkerung in einer Volksabstimmung befragen, dann hätte der russische Teil eine grössere Ausdehnung als nur die heutigen Rebellengebiete Donezk und Luhansk plus Krim. Eine mögliche, friedliche Lösung wäre also die Neuordnung der Ukraine nach Sprachgrenzen oder eben einer Volksabstimmung. Dabei würde das Land mindestens die Gebiete verlieren, die im Moment schon unter russischer und separatistischer Kontrolle stehen.

Aber warum gibt es überhaupt Streit zwischen den beiden Volksgruppen, wo doch die ukrainische Kultur und Identität in der Sowjetunion stark gefördert wurden – schliesslich waren sowohl Leonid Breschnew als auch Nikita Chruschtschow Ukrainer? Nach dem Zerfall der Union allerdings, und der de facto Unabhängigkeit der Ukraine 1991 gewannen ukrainische Nationalisten schnell politischen Einfluss (auch durch westliche Unterstützung), was zu Unruhen führte. Zudem kündigte die NATO an, die Ukraine aufzunehmen. Das hätte bedeutet, dass Russland seinen einzigen ganzjährig eisfreien Militärhafen (Sewastopol auf der Halbinsel Krim) verloren hätte.

Ein solches geostrategisches Pokerspiel (vergleichbar mit dem Versuch, 1962 sowjetische Mittelstreckenraketen auf Kuba zu stationieren) zu beginnen, ist entweder sehr schlau oder sehr dumm. Wir stellen fest, dass es gerade schief zu gehen droht: Russland hat die strategisch wichtige Krim bereits zurückgeholt und unterstützt die Separatisten im Osten der Ukraine. Der russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze sorgt für weltweite Aufregung – jetzt ist die Diplomatie gefragt.

Für mich sieht es so aus, dass Russland am Ende eine Anerkennung der (wieder-) annektierten Gebiete Krim, Donezk und Luhansk erhält und eine Garantie dafür, dass die Ukraine der NATO nicht beitreten wird. Damit wäre das ukrainische Abenteuer der USA sowohl beendet als auch gescheitert. Die Kriegstrommeln kann man dann wieder wegpacken, der oben erwähnte schlechte Witz ist auch vorbei, nur ohne dass irgend jemand darüber gelacht hat. Nur gestorben sind viele Menschen dafür. Aber so geht Geopolitik. Ich finde das nicht gut. Und ihr?

Das Pic zeigt den Anteil der russischen Muttersprachler an der Gesamtbevölkerung in den Regionen der Ukraine, von Alex Tora aus Daten der ukrainischen Volkszählung von 2001

6 Gedanken zu “Der Ukraine-Konflikt ist ein schlechter Witz

  1. Ich sehe es so, dass du den Beitrag 3 Tage vor einem Krieg geschrieben hast. Willst du auch die Grenzen von vor 1918 wieder, Königsberg ist doch so schön!
    Putins Russland hat die ganze Ukraine angegriffen und schon der Truppenaufmarsch ist laut Nachrichten völkerrechtswidrig. Kann man dann noch etwas anerkennen?

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    1. Ja, richtig, das war die Situation vor dem Einmarsch in die Ukraine. Und in diesem Beitrag ging es auch mehr um die komplizierte Ausgangssituation, um das Problem, dass die Ukraine ein multiethnischer Staat mit komplizierter Historie ist, und weniger darum, dass Putin tatsächlich ein verabscheuungswürdiger, kriegstreiberischer Diktator ist, und keinen Deut besser als etwa George W. Bush oder Reccip Erdogan. Das Ende des Konflikts wird, fürchte ich, noch mehr auf Kosten der ukrainischen Bevölkerung gehen, als das vor einer Woche abzusehen war. Die russischen Teile der Ukraine (Krim, Luhansk, Donezk) werden wahrscheinlich bei Russland bleiben, der ukrainische Teil wird wahrscheinlich ein Vasallenstaat. Das alles wird wahrscheinlich mit Blut bezahlt, wegen imperialer Phantasien. Noch kurz zu Königsberg/Ostpreussen: Das war eine deutsche Kolonie in Litauen/Polen, die musste auf jeden Fall zurück gegeben werden. Alle Kolonien sind ein Verbrechen. Und Anerkennung erhält Herr Putin für diese Aktion maximal in ferner Zukunft durch eine Art Friedensvertrag, nicht von dir und mir.

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  2. hehe, auch heute erste gesehen.

    korrekt, nach dem einmarsch sind all diese argumente zwar immer noch richtig, aber vollkommen unangebracht.

    und ja, das darf man, man darf „russen raus“ rufen und damit die russische armee in der ukraine meinen, während man sich gleichzeitg aber wundert, das ALDI kein vodka mehr verkaufen will und der bayerischen rundfunk seinen russischen dirigenten entlässt.

    weitere ergüsse erspare ich dir und verweise auf die aufrufe der konstitutionierten firedensbewegung, in der alle wesentichen punkte drinstehen.

    Klicke, um auf 2022-03-06_Frankfurter-Aktionstag_Flyer.pdf zuzugreifen

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      1. und wieder ist es nancy faser, die mich (wie schon zuvor beim thema „querdenker“) mit ihrer heutigen stellungnahme positiv überrascht. sie ist ein echter lichtblick im kabinett.

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