Mel Made Me Do It

Seit ein paar Wochen online: Stormzys neues Single-Epos Mel Made Me Do It. Diesmal nicht mit der geballten Faust der working class wie in Big For Your Boots oder Vossi Bop, sondern als Longform-Rap zwischen Talkshow und Black Culture, mit Kalimba-Grime-Track und mehr Message pro Quadratmeter als das restliche Genre. Trotzdem oder eben deswegen wird der UK-Charts-Topper Stormzy hierzulande überhaupt nicht wahrgenommen (ausser vor ein Jahren mal, mit Schwiegersohn-Troubadour Ed Sheenan). Klar, weder können Durchschnittsdeutsche ihren Körper ausserhalb von Polkarhythmen bewegen (abgesehen von einer Minderheit), noch wird die Botschaft einer selbstbewussten schwarzen Kultur in Deutschland, dem proud home of the holocaust (das sich einseitig zum Verbündeten Israels erklärt statt Verantwortung für die eigene Vergangenheit zu übernehmen) überhaupt nur ansatzweise verstanden. Der erwähnte Durchschnittsdeutsche hat (abgesehen von der erwähnten Minderheit) Schwierigkeiten damit, auch nur zu sehen, dass es eine schwarze Kultur gibt, oder auch nur irgendeine Kultur südlich des Fleischwurstäquators. Da ist also noch Raum für Verbesserungen. Positiv ausgedrückt. Oder wie es Stormzy selber sagt: „Ich war so lange der Sündenbock für euch, ich vermute ihr findet es nicht so aufregend, wenn ich gewinne. Buhu, holt schon mal die Geigen raus.“ Und: „Was soll ich sagen? Ich bin sowas wie ein junger, schwarzer Präsident Biden, mit nem Haarschnitt.“ Word.

Was können wir gegen die vielen Werbeclips auf Youtube machen?

Youtuber GiantGrantGames beschreibt hier in einer sehr unterhaltsamen Weise die Werbecliphölle, zu der Youtube in den wenigen Jahren seit seiner Gründung geworden ist. Er sagt uns auch, welche Möglichkeiten wir haben, die völlig übertriebene Werbeflut loszuwerden und trotzdem dafür zu sorgen, dass unsere Lieblings-Videoproduzenten ein wenig Geld kriegen. Und das geht so: Weil du nur im Browser die Kontrolle über „dein“ Internet hast, solltest du nicht die Youtube-App verwenden, sondern eben einen Browser. Und der heute meistverwendete Browser, Chrome, steht unter der Kontrolle von Google. Und damit fast alle anderen Browser, die nämlich gerne Chrome als technische Basis verwenden. Ausser Firefox, der von einer unabhängigen Organisation (Mozilla) entwickelt wird und sehr auf deine Privatsphäre achtet. Dazu holst du dir (mindestens) das Plugin uBlock Origin, und, bam!, hast du ein Internet ohne Werbung. Und auch Youtubevideos ohne Werbung. Aber wovon sollen dann deine fave Youtube Creators leben? Auch dafür gibt es schon länger eine Lösung: Patreon, gegründet 2013 von Jack Conte, einer Hälfte der Band Pomplamoose. Dort kannst du monatlich kleine Beträge an deine favourite Artists überweisen. Und die bekommen 95% davon. Bei Youtube nur 55%. Das ist ein grosser Unterschied. Also. Hol dir bitte noch heute den Firefox, mach das offizielle uBlock Origin Plugin rein (ich hab dazu noch den EFF Privacy Badger, den Facebook Container und einen Canvas Blocker) und freu dich auf ein Internet ohne lästige Werbung. Und wenn du einen Euro oder zwei pro Monat übrig hast, gib ihn den Leuten, die dir am meisten Freude machen. Problem gelöst.

Cable Regime: Assimilate & Destroy

Birmingham 1992. Also vor 30 Jahren, in der de-industrialisierten Zone Britanniens. Cable Regime waren von 88 bis 97 einer der Vorreiter des gitarrenlastigen Industrial, nur eben nicht durchgängig tanzbar und ohne die Macho-Allüren des EBM, also kommerziell weniger erfolgreich. Was Paul Neville, Steve Hough und Diarmuid Dalton, teilweise mit Unterstützung durch Justin Broadrick (Godflesh) erreichten, war eine Fortsetzung des 70er Prog/Noise von Chrome oder This Heat mit den Trepanationsgitarren des frühen Industrial Metal mit einer untypisch verspielten Benutzung von Sampling Loops. Der Track hier, „A Beam Of Iridescent White Light Mix„(Bandcamp-Link), fasst die neun Jahre Bandgeschichte gut zusammen.

Mad Heidi bringt Swissploitation ins Kino. Endlich.

Tero Kaukomaa hat ja bereits die Welt zu einem besseren Ort für uns alle gemacht, indem er die beiden Iron Sky Filme produzierte. Jetzt legt er noch einen Gang zu und bringt den vor zwei Jahren angekündigten weltersten Swissploitation-Film raus. Im Dezember. Mit ordentlich Splatter, Fonduefolter, Tobleronemorden, einer sehr ernsthaften und präzisen Darstellung des schweizer Selbstverständnisses und der unausbleiblichen Resistance dagegen, an deren Spitze Mad Heidi durch die Alpentäler slasht. Ja, geschmackvolle Tshirts sind ebenfalls auf der Mad Webseite zu haben. via quietearth

The Peripheral: Ist Cyberpunk noch zeitgemäss?

Oder anders gefragt: Ist William Gibson noch zeitgemäss? Wahrscheinlich schon, aber anders, als wir bisher dachten. The Peripheral ist ein Roman aus der Schreibmaschine des grossen, alten Cyberpropheten, der aber auch in seiner anstehenden Verfilmung ohne Keanu Reeves auskommt (welcher übrigens in John Wick um Terabyte besser dasteht als in Matrix) und zum Oldschool-Cyberpunk einiges an Film Noir und Mystery draufpackt. Analog ist die zentrale Figur das junge, blonde Landei Flynne Fisher (Chloë Grace Moretz haben wir u.a. in der Hauptrolle der Carrie-Neuverfilmung gesehen), die über ihren Bruder, einen Marines-Veteranen an supergeheimes Cyber-Equipment kommt (Ja, es regnet sattsam bekannte Trophen). Was Anfangs wie eine jüngere, blondere Version von Johnny Memnonic wirkt, kippt dann in einen Zeitreisethriller mit Post-Apokalypse-Zitaten um. Der Trailer sieht schick aus, und bei der Produktion wirkten die Leute hinter der Westworld-Serie mit. Das heisst, man muss sich dann wohl ein paar Folgen ansehen, um zu wissen, ob es nicht doch wieder eine wirre Story voller Klischees wird. Grundsätzlich mal hab ich schon 2003 mit Pattern Recognition aufgehört, William Gibson zu lesen, weil ich seine aufgeplusterte, in Rekursivität watende Spache nicht mehr ertragen habe. Ähnlich ging es mir mit der Serie Westworld ab Beginn der zweiten Staffel. Zu wirr. Mir ist der Meatspace bereits kompliziert genug, da schätze ich es, wenn wenigstens der Cyberspace schlüssig erzählte Geschichten bietet. Zu sehen ab Ende Oktober in einem Internet in deiner Nähe.

Gleichberechtigung in der Kunst: Fail

Frauen werden doch bei uns heute gar nicht mehr benachteiligt. Sagen zumindest Männer immer wieder (not all men, aber viele). Aha. Und ausserdem gibt es harte Zahlen, die das Gegenteil zeigen. Helen Gorrill (Doktor der Kunstgeschichte am Royal College of Art), Autorin des Buchs „Women Cant Paint“, verglich 5000 Kunstverkäufe rund um den Globus und fand, dass von Männern hergestellte Kunst durchschnittlich 10 mal so viel kostet wie die von Frauen. Das gilt quer durch den Kunstmarkt, vom teuersten jemals verkauften Kunswerk (daVinci) über das teuerste von noch lebenden Künstler:innen (Jeff Koons) bis zum Tagesgeschäft der Art Fairs. Und das, obwohl 70% der an Kunstakademien Studierenden weiblich sind. Das kann man(n) natürlich ganz einfach erklären mit „Frauen können eben nicht malen“ (Georg Baselitz, 2015). Was für ein bizarrer Quatsch, oder? Die andere, schlüssige Erklärung ist, dass die meisten Käufer von Kunst eben männlich sind, und von Männern gemalte Kunst bevorzugen, weil sie im Grunde ihres kleinen, ängstlichen Herzens glauben (oder behaupten), dass Männer alles besser können. Was nachweislich nicht der Fall ist. Statt dessen: glass ceiling, gender pay gap. Und jetzt? Was machen wir jetzt? via guardian, das pic ist von Daniela Kammerer, eine der kontemporären underrated Künstlerinnen hierzulande.

Vultures Of North

Ja, es ist Metal. Aber nicht, wie wir ihn kennen (Startrek Semiquote). Was Orbit Culture da hinlegen, ragt so baumwipfelhoch über andere aktuelle Metaltracks hinaus, dass ich vom ersten Mal hören an verblüfft bin. Ja, zunächst steht auch diese vierköpfige Gruppe von Liebhabern nordischer Mythologie knietief in Metal-Klischees (incl. Haareschütteln). Aber eben nicht tiefer. Und was sie in Vultures Of North verdammt richtig machen: Sie hämmern über 2 Minuten lang dasselbe Riff in die Nacht, bis mal der erste Akkordwechsel kommt: Einen verfluchten Halbton tiefer. So ungefähr der düsterste, nordischste und mythischste Akkordwechsel, der einem Gitarristen einfallen kann. Plus: Kein Todesgekreisch, kein „melodischer“ Gesang, keine Gitarrensoli. Nur ein brachiales Riff, das zum Ende hin einem unbehaglichen, bedrohlichen Ambient weicht und dann unausweichlich noch einmal aufschäumt. Was Orbit Culture damit musikalisch (oder kulturell) leisten, ist für mich durchaus mit Meshuggah vergleichbar, die ihrerseits dem Metal eine mythische Wiedergeburt als Djent schenkten. Ich hoffe, wir hören in Zukunft mehr monophonen Wahnsinn aus den offenbar endlosen, von gehörnten Monstren durchstreiften nordischen Wäldern. via revolver

Shark Side of the Moon

Wie aufregend! Asylum, das Filmstudio mit den billigsten Computeranimationen des globalen Nordens, schenkt uns ein Epos um Superhaie, die auf der Rückseite des Mondes leben. Ich bin jetzt momentan etwas verunsichert, was unterhaltsamer ist. Auf der Mondrückseite. Nazis oder Haie? Die Kreaturen in Shark Side of the Moon sind natürlich genetisch erzeugte Supersoldaten aus einem russischen Biolabor (war klar), die aber aus Russland auf die Mondrückseite geflohen sind (verständlich). Beim Eintreffen eines us-amerikanischen Forschungsshuttles geht es dann (natürlich) darum, dieses zu kapern, zur Erde zurück zu fliegen und dort (was auch sonst) die Weltherrschaft zu erringen. Ich glaube, ich will gar nicht wissen, wie das ausgeht, ich werd mir das Machwerk sowieso ansehen, als harter B-Movie-Fan, der ich bin. via metafilter

Collapse Culture: Drag Your Coffin My Lord

Collapse Culture ist einerseits eine US-amerikanische neurechte Endzeitfantasie vom Zusammenbruch der Zivilisation (weswegen man dann wahrscheinlich Waffen kaufen und Leute erschiessen muss), und das ist eher unlustig – und andererseits ein cooles, nordkalifornisches Dub-Duo. Nun läuft Dub gerne in Gefahr, in trüben Ganja-Wolken die Orientierung zu verlieren und dabei über die eigenen Echoschleifen zu stolpern – nicht so in diesem Fall. Collapse Culture halten Kurs, indem sie Industrial, Wave, Elektro, IDM mit verwenden. Gute Idee. Hört euch den Vorab-Track Nuclear Semiotics vom Album Drag Your Coffin My Lord an, das Mitte September rauskommt. via treble

Bitchin Bajas: Amorpha

Minimal-Drone-Trio Bitchin Bajas hat seit 2010 bereits 10 Alben raus, der Track hier ist vom neuen, elften: Bajascillators. Grossartige Kombi aus Steve Reich, prä-techno Kraftwerk, Mouse on Mars, leichte, angenehme Drogen, akustische Instrumente, stundenlanges Geblubber. Sehr schön. via treble