Hör mir zu, ich bin ein Mensch

Street Artist Mark Titchner hängt in Manchester diese Plakate auf, um auf die Situation der Refugees in der alten Industriestadt hinzuweisen. „Hör mir zu. Ich bin ein Mensch. Ich habe Angst.“ „Hör mir zu. Ich will arbeiten. Ich will Steuern bezahlen.“ „Hör mir zu. Wie soll ich leben wenn meine Gedanken im Gefängnis sind?“ „Hör mir zu. Ich überstehe den heutigen Tag ohne zu wissen was morgen ist.“ Das ist eine sinnvolle Aktion. Aber was wäre, wenn wir diese Plakate, übersetzt, an den Strassen und Plätzen von Bautzen oder Görlitz anbringen? Oder in den multiethnischen Banlieues unserer Grossstädte? Oder in den ruhigen, grünen Villenvierteln gleich nebenan? Was sagen wir, wenn Mark uns diese Fragen stellt? Weiterlesen

Schweden lässt Anklage gegen Julian Assange fallen

Wikileaks hat vor einer knappen Stunde bekannt gegeben, dass Schweden die Anklage gegen Julian Assange fallenlässt. Keine Ermittlungen mehr wegen eines Vorwurfs der „Vergewaltigung dritten Grades“, eine Ex von Assange hatte angegeben, er hätte eines nachts ohne Kondom mit ihr geschlafen, obwohl das so nicht mit ihr besprochen gewesen wäre. Ist ja grundsätzlich auch nicht ok, sowas zu machen, aber selbst der reine Vorwurf ist damit vom Tisch. Update: Die britische Regierung stellt sich quer. Weiterlesen

Ende der Industriezeit: Ein Tag ohne Kohle

Bevor wir’s vergessen: Vorletzten Freitag, am 21. April, wurde in Britannien, dem Mutterland der Schwerindustrie, erstmals seit der Anfeuern des Holborn Viaduct Kraftwerks in London für ganze 24 Stunden keine Elektrizität aus Kohle erzeugt. Das war’s dann wohl so langsam, Kohle. War ne schöne Zeit mit dir, aber Sonne und Wind machen einfach weniger Klimakatastrophen. Wir lassen dich dann wohl besser im Boden schlummern. Das Bild zeigt übrigens eine noch betriebene Kohlendreckschleuder in Datteln bei Dortmund. bbc, pic arnold paul cc by sa

Der britische Atomraketenangriff auf die USA

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Im Juni letzten Jahres, das kommt derzeit zögerlich ans Licht der Öffentlichkeit, feuerte ein britisches Atom-U-Boot der Vanguard-Klasse (siehe pic, Ihre Majestät hat vier davon) vor der Küste von Florida eine Trident-II-Rakete auf ein Testziel auf der anderen, afrikanischen Seite des Atlantik. Die ballistische Interkontinentalrakete nahm allerdings die entgegengesetzte Richtung und stürzte irgendwo in die USA. Jetzt die gute Nachricht: Weiterlesen

Paigey Cakey: Down

Es soll hier im Rahmen des von mir und meinem Blog gefühlten Verfassungsauftrags zur Publizierung bemerkenswerter kultureller und wissenschaftlicher Vorfälle der Gegenwart nicht unerwähnt bleiben, dass die von der 11k2-Redaktion überein­stimmend als wichtigste aktuelle britische Musikerin empfundene Paigey Cakey rechtzeitig zum Ende des abgelaufenen Jahres einen neuen Track hochgeladen hat: Down. Auch wenn mir persönlich die letzten Vids/Tracks wie Boogie, Boyfriend oder Patterns in ihrer selbstbewussten Sprödigkeit noch besser gefallen als der trap­lastige neue, stellt Down dennoch einen unüberhörbaren Kommentar zu dieser derzeit noch vom US-Hiphop bestimmten Musikrichtung dar. Nachdem Trap aber bereits (und nicht unerwartet) Alterungserscheinungen zeigt, sollte unser Planet langsam reif sein für Grime. Gerade wegen seiner rhythmischen und harmonischen Kälte, seiner direkten Abstammung aus den britischen Zentren der postindustriellen Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

Britische Polizei umgeht Verschlüsselung durch Raubüberfall

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Kann die Polizei einen Verdächtigen dazu zwingen, sein Telefon durch Pin-Eingabe oder Fingerabdruck zu entschlüsseln? Nein. Auch nicht im Post-1984-Britannien. Deswegen mussten sich die Detektive des Scotland Yard Cybercrime Unit einen neuen Trick ausdenken. Der geht so: Einfach den Verdächtigen auf der Strasse aufhalten, das Telefon wegnehmen, wenn er grade telefoniert, so dass es entschlüsselt ist, dann halten zwei Beamte in Zivil ihn fest, während ein Dritter so lange auf dem Iphone-Screen herumwischt, bis der Download aller Daten auf einen schnell angestöpselten Datenträger fertig ist. Hurra, man fand Beweise. Winziges Problem: Verdächtige zu dritt überfallen und ihnen das Telefon, die Autoschlüssel, die Kreditkarte oder sonst was wegnehmen, ist nichts, was die Polizei in einem Rechtsstat tun könnte. Nur in Nordkorea und politisch angrenzenden Ländern ist das kein Ding. Inzwischen also auch nicht in Britannien. Das kommt übrigens davon, wenn man sich in Panik vor äusseren Gefahren schubsen lässt, statt der eigenen Regierung auf die Finger zu schaun. Da fällt mir auf: Das könnte uns hierzulande auch passieren. Doch. Durchaus. bbc, pic cc0

Sic transit Britannia

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Das wars dann wohl. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon hat ange­kündigt, noch vor dem endgültigen Brexit, also Ausstieg Britanniens aus der EU, eine zweite Volksabstimmung (Referendum) zur Unabhängigkeit Schottlands vom Rest des Vereinigten Königreichs durchzuführen. Ausser, die Regierung in London über­gibt quasi-autonome Rechte an die Schotten (eigene Immigrations- und Aussen­politik). Um die schottischen Interessen zu schützen. So oder so. Wir wussten zwar, dass es so kommen wird, aber jetzt ist er eben da, der Salat. Rule Britannia (auf dem pic oben ist eben diese zu sehen, nicht Mrs. Sturgeon) ist damit Vergangenheit. Und, ich sag’s nur ungern: Die Deutschen haben gewonnen. Nicht aus eigener Kraft, sondern wegen der Realitätsverzerrung kleinerer europäischer Randnationen. guardian, pic pd