The Würst Nürse Cürse

Würst Nürse ist die australische Antwort auf den globalen Pflegenotstand: 5 Krankenschwestern aus Melbourne laden ihre Frustration, Überarbeitung und ihre Wut auf eine Bandcamp-Seite. The W​ü​rst N​ü​rse C​ü​rse ist ihre 5-Track EP vom April, auch zu empfehlen die neue Single Fresh Outta Bedpans. via pop&rewind

Mel Made Me Do It

Seit ein paar Wochen online: Stormzys neues Single-Epos Mel Made Me Do It. Diesmal nicht mit der geballten Faust der working class wie in Big For Your Boots oder Vossi Bop, sondern als Longform-Rap zwischen Talkshow und Black Culture, mit Kalimba-Grime-Track und mehr Message pro Quadratmeter als das restliche Genre. Trotzdem oder eben deswegen wird der UK-Charts-Topper Stormzy hierzulande überhaupt nicht wahrgenommen (ausser vor ein Jahren mal, mit Schwiegersohn-Troubadour Ed Sheenan). Klar, weder können Durchschnittsdeutsche ihren Körper ausserhalb von Polkarhythmen bewegen (abgesehen von einer Minderheit), noch wird die Botschaft einer selbstbewussten schwarzen Kultur in Deutschland, dem proud home of the holocaust (das sich einseitig zum Verbündeten Israels erklärt statt Verantwortung für die eigene Vergangenheit zu übernehmen) überhaupt nur ansatzweise verstanden. Der erwähnte Durchschnittsdeutsche hat (abgesehen von der erwähnten Minderheit) Schwierigkeiten damit, auch nur zu sehen, dass es eine schwarze Kultur gibt, oder auch nur irgendeine Kultur südlich des Fleischwurstäquators. Da ist also noch Raum für Verbesserungen. Positiv ausgedrückt. Oder wie es Stormzy selber sagt: „Ich war so lange der Sündenbock für euch, ich vermute ihr findet es nicht so aufregend, wenn ich gewinne. Buhu, holt schon mal die Geigen raus.“ Und: „Was soll ich sagen? Ich bin sowas wie ein junger, schwarzer Präsident Biden, mit nem Haarschnitt.“ Word.

Cable Regime: Assimilate & Destroy

Birmingham 1992. Also vor 30 Jahren, in der de-industrialisierten Zone Britanniens. Cable Regime waren von 88 bis 97 einer der Vorreiter des gitarrenlastigen Industrial, nur eben nicht durchgängig tanzbar und ohne die Macho-Allüren des EBM, also kommerziell weniger erfolgreich. Was Paul Neville, Steve Hough und Diarmuid Dalton, teilweise mit Unterstützung durch Justin Broadrick (Godflesh) erreichten, war eine Fortsetzung des 70er Prog/Noise von Chrome oder This Heat mit den Trepanationsgitarren des frühen Industrial Metal mit einer untypisch verspielten Benutzung von Sampling Loops. Der Track hier, „A Beam Of Iridescent White Light Mix„(Bandcamp-Link), fasst die neun Jahre Bandgeschichte gut zusammen.

Vultures Of North

Ja, es ist Metal. Aber nicht, wie wir ihn kennen (Startrek Semiquote). Was Orbit Culture da hinlegen, ragt so baumwipfelhoch über andere aktuelle Metaltracks hinaus, dass ich vom ersten Mal hören an verblüfft bin. Ja, zunächst steht auch diese vierköpfige Gruppe von Liebhabern nordischer Mythologie knietief in Metal-Klischees (incl. Haareschütteln). Aber eben nicht tiefer. Und was sie in Vultures Of North verdammt richtig machen: Sie hämmern über 2 Minuten lang dasselbe Riff in die Nacht, bis mal der erste Akkordwechsel kommt: Einen verfluchten Halbton tiefer. So ungefähr der düsterste, nordischste und mythischste Akkordwechsel, der einem Gitarristen einfallen kann. Plus: Kein Todesgekreisch, kein „melodischer“ Gesang, keine Gitarrensoli. Nur ein brachiales Riff, das zum Ende hin einem unbehaglichen, bedrohlichen Ambient weicht und dann unausweichlich noch einmal aufschäumt. Was Orbit Culture damit musikalisch (oder kulturell) leisten, ist für mich durchaus mit Meshuggah vergleichbar, die ihrerseits dem Metal eine mythische Wiedergeburt als Djent schenkten. Ich hoffe, wir hören in Zukunft mehr monophonen Wahnsinn aus den offenbar endlosen, von gehörnten Monstren durchstreiften nordischen Wäldern. via revolver

Collapse Culture: Drag Your Coffin My Lord

Collapse Culture ist einerseits eine US-amerikanische neurechte Endzeitfantasie vom Zusammenbruch der Zivilisation (weswegen man dann wahrscheinlich Waffen kaufen und Leute erschiessen muss), und das ist eher unlustig – und andererseits ein cooles, nordkalifornisches Dub-Duo. Nun läuft Dub gerne in Gefahr, in trüben Ganja-Wolken die Orientierung zu verlieren und dabei über die eigenen Echoschleifen zu stolpern – nicht so in diesem Fall. Collapse Culture halten Kurs, indem sie Industrial, Wave, Elektro, IDM mit verwenden. Gute Idee. Hört euch den Vorab-Track Nuclear Semiotics vom Album Drag Your Coffin My Lord an, das Mitte September rauskommt. via treble

Bitchin Bajas: Amorpha

Minimal-Drone-Trio Bitchin Bajas hat seit 2010 bereits 10 Alben raus, der Track hier ist vom neuen, elften: Bajascillators. Grossartige Kombi aus Steve Reich, prä-techno Kraftwerk, Mouse on Mars, leichte, angenehme Drogen, akustische Instrumente, stundenlanges Geblubber. Sehr schön. via treble

Luggage: Happiness

Minimale Gitarren aus Chicago. Luggage haben schon vor einem Jahr ihr drittes Album Happiness veröffentlicht. Aber wann soll man die ganze grossartige Musik entdecken, ausser, wenn man Ferien hat, und genug Zeit, um auf Bandcamp herumzuklicken? Aufgenommen in Steve Albinis Electrical Audio Studio, irgendwie typisch melancholischer Mid-West Post-Noise. Hört es euch selbst an.

Punjabi California Summer Jam

Der Patakha Guddi Remix von Gitarrengott Andre Antunes (der ansonsten gerne evangelikalen Sermon in tiefste Metal-Höllen hinabzerrt) enthält, rechts im Bild, die indischen Sufi-Musikerinnen Sultana und Jyoti Nooran mit einer A-Capella-Version ihres Bollywood-Hits und links den Meister der Postproduktion mit einem halben Dutzend zitierter Red Hot Chili Pepper Songs. Kann man machen. Gute Idee, irgendwie.

Chat Pile: God’s Country

Die Berge von Splitt und Abraum, die seit der Gewinnung von Blei und Zink vor 100 Jahren ganze Landstriche der USA vergiften, stellen einen sehr malerischen Band-namen: Chat Pile. Entsprechend beschäftigt sich die Band mit den Abgründen des Kapitalismus. Im Track „Why“ schreit der Sänger über die krachenden Drums und stählernen Gitarren: Warum? Warum müssen Leute im Freien schlafen? Wir haben die Mittel und die Möglichkeiten, Obdachlosigkeit zu verhindern. Warum tun wir das nicht? Hört euch auf bandcamp an, wie beeindruckend Noise Rock in den 2020s klingen kann. Mehr noch als in seinem Ursprungsjahrzehnt, den 1990s.

Alles wird besser mit Metal: Eleanor Rigby

Irgendwann muss ich es ja zugeben: Ich war nie Fans dieser „Beatles“ und ihres melodischen Gesinges. Um so verdienstvoller, was der norwegische Metal-Kabarettist Leo Moracchioli hier abliefert: Eine milde Metal-Version des Popheulers „Eleanor Rigby“ von 1966. Ja, so kann ich mir das anhören. Danke, Leo. via boingboing

Musik von Mobiltelefonen der Sahara

Was hören die Leute eigentlich so in Westafrika, in der Sahara und im Sahel? Glücklichweise gibt es kulturbewusste Zeitgenossen, die solche speziellen Fragen beantworten, indem sie Speicherkarten aus den Mobiltelefonen der Region sammeln und daraus Sampler mit westafrikanischer Musik zwischen Bluetooth und Fruity Loops veröffentlichen. Hört selbst.