Chat Pile: God’s Country

Die Berge von Splitt und Abraum, die seit der Gewinnung von Blei und Zink vor 100 Jahren ganze Landstriche der USA vergiften, stellen einen sehr malerischen Band-namen: Chat Pile. Entsprechend beschäftigt sich die Band mit den Abgründen des Kapitalismus. Im Track „Why“ schreit der Sänger über die krachenden Drums und stählernen Gitarren: Warum? Warum müssen Leute im Freien schlafen? Wir haben die Mittel und die Möglichkeiten, Obdachlosigkeit zu verhindern. Warum tun wir das nicht? Hört euch auf bandcamp an, wie beeindruckend Noise Rock in den 2020s klingen kann. Mehr noch als in seinem Ursprungsjahrzehnt, den 1990s.

Krause: The Art of Fatigue

Der Bandname klingt nach potentiell schlimmem deutschen Mundart-Rock, die 4 Alben dagegen gar nicht. Wie auch, Krause kommen aus dem Untergrund der griechischen Metropole Athen und legen ein so extremes Noise-Rock-Brett hin, wie man es seit seligen Amphetamine-Reptile-Zeiten nicht mehr gehört hat. Ein Brett, das muss man dazu sagen, das mit einer dicken Schicht Distortion überzogen ist, gesprenkelt mit Pulver, das manche gerne gegen Müdigkeit und Langeweile konsumieren. Musik, die glücklich macht. Hört selber.

So many metal bands, so little time

Viel zu selten finde ich die Musse, stundenlang Musik zu hören. Kein Wunder, dass ich mich dauernd müde fühle. Aber vielleicht liegt das auch an den drei Jobs, die ich late-capitalism-kompatibel jongliere. Heute lohnte sich jedenfalls ein Besuch auf dem grossartigen Metal Injection Blog, das der Welt umfangreiche Listen im Stil von „20 Underground Metal Bands, die du im Februar verpasst hast“ zur Verfügung stellt. Was das Hauptproblem unserer Informationsgesellschaft direkt adressiert: Es ist zuviel. Von allem. Und was alles, was du als Underground Publizist tun kannst, ist filtern, kuratieren. So wie hier im 11k2. Die Cancer Bats dagegen sind eine extrem sympathische und wundervoll unernste Metal Combo mit einem wundervoll unernsten Metal Bandnamen und ebensolchen Videos. Also, weiter mit den anderen Bands:

„So many metal bands, so little time“ weiterlesen

Jlin: Unknown Tongues

Jerrilynn Patton wuchs in Greater Chicago (Gary, Indiana) und, wie hier im Vid von 2015 zu hören (aber nicht zu sehen), mit ghetto house und footwork auf. Das neue Album Embryo von letztem Jahr ist technoider, weniger IDM, auch wenn eine inoffizielle Collab mit Aphex Twin in eine andere Richtung deutet. Die wir dann natürlich auch hören wollen. Oder zumindest die Remixe.

In Lafayette, Lousiana, ist das Leben noch hässlicher als hier

Capra sind aus Lafayette, Lousiana, nicht weit vom Golf von Mexiko, irgendwo in den Sümpfen zwischen New Orleans und Houston. Das Leben dort muss ziemlich hässlich sein. Die Musik dagegen grossartig. Beim Herumblättern auf Musikwebseiten (Kann man im Internet herumblättern? Ich denke schon) fiel mir die Band schon zum zweiten Mal auf. Capra ist ja eigentlich kein Metal, eher Hardcore, und meilenweit weg von der Legion mittelmässiger Metalkapellen mit Vorzeigesängerin.

 

„In Lafayette, Lousiana, ist das Leben noch hässlicher als hier“ weiterlesen

Woher kommt der Ton bei einer E-Gitarre?

Wir von der Gitarrenfraktion (und viele andere Leute) haben uns das schon oft gefragt: Was ist wichtig für den Sound? Wieviel macht das Holz aus, vom Body und vom Hals? Wieviel machen Brücke, Potis/Elektronik, Pickup, Mechaniken? Jim Lill hat das mal auspobiert und dokumentiert. Mit erstaunlichen Ergebnissen. In unrelated News: Die letzte Geige, die ich mir gekauft habe, ist eine uralte koreanische P-Bass-Kopie. Neue Saiten, Hals einstellen. Die Potis waren durch, die musste ich austauschen, aber ansonsten hat das Teil einen märchenhaft bösen Sound. Die 50 Schleifen waren gut angelegt. Alles weitere erklärt euch Jim. via mefi

Generationen-übergreifende De-Evolution

Ungefähr so, als würdest du mit deinem Geigenorchester die kleine Nachtmusik auf die Bühne bringen, und Wolfgang Amadeus Mozart springt auf und legt ein paar Takte dazu. Ungefähr. Hier ist es die Gen Z Poppunkband Detention aus Akron, Ohio und Gerry Casale von Devo (ebenfalls aus Akron, Ohio). Gerry ist übrigens 73 Jahre alt und macht genau das, was ein 73jähriger tun sollte: Auf die Bühne springen und Teens supporten. Klingt wie ein Plan. Mach ich dann auch.

Was macht Devo eigentlich in der Freizeit?

Post-Punk und Synth-Rock-Legende Devo bringt ja immer noch neue Musik raus und geht damit auf die Bühne. Während der Vorbereitung zur nächsten Tour hatten Gründungsbassist Jerry Casale und derzeitiger Drummer Josh Freese etwas Freizeit und nutzten diese für einen neuen Song (und Video) des Devo-Sideprojects Jihad Jerry & the Evildoers: I’m gonna pay you back. Sehr nett, aber richtig hart wird es, wenn ich euch erzähle, dass Jerry Ende diesen Monats Geburtstag hat (28.7.). Und zwar seinen 73sten. Man kann also mit 73 immer noch coolen Scheiss machen, animierte Musikvideos veröffentlichen und das Haus rocken. Sollte uns Hoffnung geben, nicht? Ein Grund mehr, darauf zu achten, dass unser Planet nicht zu heiss und unbewohnbar wird. Wir wollen doch schliesslich in 10, 20, 30, 50, 100 Jahren immer noch Spass haben. Oder wer dann eben Musik macht und damit auf die Bühne geht. via rollingstone

Dry Cleaning: Post-Punk für die Post-Pandemie

Weil das zwar schon oft woanders zu lesen war, nur hier noch nicht: Dry Cleaning aus London sind die Art von Post-Punk, die wir grade brauchen. In der abklingenden Pandemie. Die aber noch mindestens bis Jahresende brauchen wird, bis sie wenigstens so leise geworden ist, dass sie im Hintergrundlärm der anderen Ganz- oder Beinahekatastrophen untergeht. Inzwischen können wir den entspannten vier Londonern (Londoner:innen) zuhören, die uns viel von dem zurückgeben, was (musikalisch) nach ’80 verloren gegangen war. Und den bemerkenswert emotional-dadaistischen Texten von Florence Shaw.

„Many years have passed but you’re still charming
Rose falling and exploding and you can’t save the world on your own
I guess“ (scratchcard lanyard)

Pupil Slicer: Wounds Upon My Skin

Was kommt raus, wenn man Grind und Math multipliziert? Grath? Das Metal-Trio Pupil Slicer aus London, aktuelles Album Mirrors, macht nicht exakt den Sound, den ich jeden Tag hören möchte (doch etwas hektisch), ist aber so verdammt überzeugend, dass ich einfach nur beeindruckt bin. Und: Endlich mal wieder eine Frontfrau (Gitarre, Vocals) im Metal, die persönliche Songs schreibt, eigene Traumata durch den Ver­stär­ker presst und Ängste so kleinhackt, dass sie im agressiven Stakkato untergehen. via revolvermag

Andre Antunes ist Jesus Christus

Das, oder er ist ein verdammt guter Musiker. Wir haben ja schon mehrere Kenneth Copeland Mashups gesehen, aber dieser hier hat den Segen des Höchsten. Halleluja. Der Metal-Messias hat übrigens einen fetten Youtube-Channel dabei, mit Klassikern wie Paula White oder BBQ Beer Freedom. Ich will nicht soweit gehen, zu sagen, dafür sei Metal erfunden worden, aber, yeah, fuckit. „Andre Antunes ist Jesus Christus“ weiterlesen

Endlich Quake auf Vinyl

Seit der Veröffentlichung des (aber wirklich) legendären First-Person-Shooters Quake im Jahr 1996 haben wir diverse Dimensionssprünge hinter uns gebracht – mal ehrlich, wer hätte sich vor 24 Jahren Smartphones, SarsCov2, Trump und eine seit 20 Jahren kreisende Internationale Raumstation auf einmal vorstellen können? Also ist es um so wichtiger, dass der Originalsoundtrack des Klassikers endlich auf schwerem Doppel-Vinyl erscheint, für 35 Die-Regierung-Belügt-Uns-Und-Führt-Geheime-Dimensionstor-Experimente-Durch-Dollars im NineInchNails-Webshop. via boingboing

Musiktheorie ist Rassismus

Schon lange wächst in mir die Überzeugung, dass man alle „klassische“ Musik vor 1850 besser verbrennen und vergessen sollte. Vielleicht mit Ausnahme einiger weniger Partituren für wissenschaftliche Zwecke. Aber in unserer Kultur hat diese „Klassik“ in meiner wie erwähnt wachsenden Überzeugung nichts mehr zu suchen. Meine Argumente waren hier zunächst eher musikalischer Art: „Musiktheorie ist Rassismus“ weiterlesen

VOIVOD – The End Of Dormancy

Keine Frage. Voivod sind alt geworden. Zur Hölle, die Band hat 1982 angefangen. Im Juli kommt das neue Album „The End Of Dormancy“ mit Vinyl-EP-Auskopplung, und hier zeigen die Kanadier, dass man mit zunehmenden Alter eine raffinierte Art von Bosheit entwickeln kann, die dem ganzen Metal-Genre einen massiven Tritt verpasst. Die Pandemie-Cyberpunk-Optik des Videos wächst aus den ersten Anfängen der Ex-Thrasher heraus und bildet nur den Rahmen für ein Stück Präzisionsmetall, das sichtbar über den heutigen Prog-Djent-Post-Metal-Durchschnitt herausragt. Diese Männer wissen genau, was sie tun, und sie tun es mit Modern-Jazz-Bläsersätzen im Intro. Hail Satan! Und der dunkle Lord lächelt sicher zufrieden, während er dem neuesten Werk seiner emsigen Jünger lauscht. Geht mir genau so.

Medien nach der Krise: So wird das aussehen

US-Rapstar Travis Scott gab gestern Abend ein Konzert anlässlich seiner aktuellen Single-Veröffentlichung, und 12 Millionen Menschen sahen zu. Zum Vergleich: Mehr Zuschauer hat die Tagesschau nur zu besonderen Krisen, sonst eher unter 10 Mio. Und wo war das Konzert? Na, im derzeit heissesten Social Network. Fortnite. Wo sich Spieler jetzt einen Travis Scott als Avatar zum Mitspielen kaufen können. Und wo der echte Travis noch weitere 4 Konzerte gebucht hat. Wisst ihr was: Ich spiel selber nicht Fortnite, ist mir zu bunt und kindgerecht (noch mehr als WoW), aber das Video vom Event ist super. Tja dann. Lebt wohl, alte Medien. War ne schöne Zeit. kotaku

Ana Tijoux: Antifa Dance

Heute wichtiger als in Jahren: Antifaschistische Kunst. Gegen die Überlegenheits- und Herrschaftsphantasien einer kleinen Gruppe von weissen Cis-Hetero-Imperialisten und ihrer Fans. Am Ende laufen Klassismus, Sexixmus, Rassismus zu einem totalitären Blutrausch zusammen, die Gewaltfantasien emotional Verarmter treffen heute Sisha-Bars und Synagogen, gestern ganze Länder und Populationen, morgen hoffentlich weniger. Aber das liegt an uns. Und Props an Ana für die Zusammenfassung.