Vultures Of North

Ja, es ist Metal. Aber nicht, wie wir ihn kennen (Startrek Semiquote). Was Orbit Culture da hinlegen, ragt so baumwipfelhoch über andere aktuelle Metaltracks hinaus, dass ich vom ersten Mal hören an verblüfft bin. Ja, zunächst steht auch diese vierköpfige Gruppe von Liebhabern nordischer Mythologie knietief in Metal-Klischees (incl. Haareschütteln). Aber eben nicht tiefer. Und was sie in Vultures Of North verdammt richtig machen: Sie hämmern über 2 Minuten lang dasselbe Riff in die Nacht, bis mal der erste Akkordwechsel kommt: Einen verfluchten Halbton tiefer. So ungefähr der düsterste, nordischste und mythischste Akkordwechsel, der einem Gitarristen einfallen kann. Plus: Kein Todesgekreisch, kein „melodischer“ Gesang, keine Gitarrensoli. Nur ein brachiales Riff, das zum Ende hin einem unbehaglichen, bedrohlichen Ambient weicht und dann unausweichlich noch einmal aufschäumt. Was Orbit Culture damit musikalisch (oder kulturell) leisten, ist für mich durchaus mit Meshuggah vergleichbar, die ihrerseits dem Metal eine mythische Wiedergeburt als Djent schenkten. Ich hoffe, wir hören in Zukunft mehr monophonen Wahnsinn aus den offenbar endlosen, von gehörnten Monstren durchstreiften nordischen Wäldern. via revolver

Collapse Culture: Drag Your Coffin My Lord

Collapse Culture ist einerseits eine US-amerikanische neurechte Endzeitfantasie vom Zusammenbruch der Zivilisation (weswegen man dann wahrscheinlich Waffen kaufen und Leute erschiessen muss), und das ist eher unlustig – und andererseits ein cooles, nordkalifornisches Dub-Duo. Nun läuft Dub gerne in Gefahr, in trüben Ganja-Wolken die Orientierung zu verlieren und dabei über die eigenen Echoschleifen zu stolpern – nicht so in diesem Fall. Collapse Culture halten Kurs, indem sie Industrial, Wave, Elektro, IDM mit verwenden. Gute Idee. Hört euch den Vorab-Track Nuclear Semiotics vom Album Drag Your Coffin My Lord an, das Mitte September rauskommt. via treble

Bitchin Bajas: Amorpha

Minimal-Drone-Trio Bitchin Bajas hat seit 2010 bereits 10 Alben raus, der Track hier ist vom neuen, elften: Bajascillators. Grossartige Kombi aus Steve Reich, prä-techno Kraftwerk, Mouse on Mars, leichte, angenehme Drogen, akustische Instrumente, stundenlanges Geblubber. Sehr schön. via treble

Luggage: Happiness

Minimale Gitarren aus Chicago. Luggage haben schon vor einem Jahr ihr drittes Album Happiness veröffentlicht. Aber wann soll man die ganze grossartige Musik entdecken, ausser, wenn man Ferien hat, und genug Zeit, um auf Bandcamp herumzuklicken? Aufgenommen in Steve Albinis Electrical Audio Studio, irgendwie typisch melancholischer Mid-West Post-Noise. Hört es euch selbst an.

Punjabi California Summer Jam

Der Patakha Guddi Remix von Gitarrengott Andre Antunes (der ansonsten gerne evangelikalen Sermon in tiefste Metal-Höllen hinabzerrt) enthält, rechts im Bild, die indischen Sufi-Musikerinnen Sultana und Jyoti Nooran mit einer A-Capella-Version ihres Bollywood-Hits und links den Meister der Postproduktion mit einem halben Dutzend zitierter Red Hot Chili Pepper Songs. Kann man machen. Gute Idee, irgendwie.

Chat Pile: God’s Country

Die Berge von Splitt und Abraum, die seit der Gewinnung von Blei und Zink vor 100 Jahren ganze Landstriche der USA vergiften, stellen einen sehr malerischen Band-namen: Chat Pile. Entsprechend beschäftigt sich die Band mit den Abgründen des Kapitalismus. Im Track „Why“ schreit der Sänger über die krachenden Drums und stählernen Gitarren: Warum? Warum müssen Leute im Freien schlafen? Wir haben die Mittel und die Möglichkeiten, Obdachlosigkeit zu verhindern. Warum tun wir das nicht? Hört euch auf bandcamp an, wie beeindruckend Noise Rock in den 2020s klingen kann. Mehr noch als in seinem Ursprungsjahrzehnt, den 1990s.

Alles wird besser mit Metal: Eleanor Rigby

Irgendwann muss ich es ja zugeben: Ich war nie Fans dieser „Beatles“ und ihres melodischen Gesinges. Um so verdienstvoller, was der norwegische Metal-Kabarettist Leo Moracchioli hier abliefert: Eine milde Metal-Version des Popheulers „Eleanor Rigby“ von 1966. Ja, so kann ich mir das anhören. Danke, Leo. via boingboing

Musik von Mobiltelefonen der Sahara

Was hören die Leute eigentlich so in Westafrika, in der Sahara und im Sahel? Glücklichweise gibt es kulturbewusste Zeitgenossen, die solche speziellen Fragen beantworten, indem sie Speicherkarten aus den Mobiltelefonen der Region sammeln und daraus Sampler mit westafrikanischer Musik zwischen Bluetooth und Fruity Loops veröffentlichen. Hört selbst.

Krause: The Art of Fatigue

Der Bandname klingt nach potentiell schlimmem deutschen Mundart-Rock, die 4 Alben dagegen gar nicht. Wie auch, Krause kommen aus dem Untergrund der griechischen Metropole Athen und legen ein so extremes Noise-Rock-Brett hin, wie man es seit seligen Amphetamine-Reptile-Zeiten nicht mehr gehört hat. Ein Brett, das muss man dazu sagen, das mit einer dicken Schicht Distortion überzogen ist, gesprenkelt mit Pulver, das manche gerne gegen Müdigkeit und Langeweile konsumieren. Musik, die glücklich macht. Hört selber.

So many metal bands, so little time

Viel zu selten finde ich die Musse, stundenlang Musik zu hören. Kein Wunder, dass ich mich dauernd müde fühle. Aber vielleicht liegt das auch an den drei Jobs, die ich late-capitalism-kompatibel jongliere. Heute lohnte sich jedenfalls ein Besuch auf dem grossartigen Metal Injection Blog, das der Welt umfangreiche Listen im Stil von „20 Underground Metal Bands, die du im Februar verpasst hast“ zur Verfügung stellt. Was das Hauptproblem unserer Informationsgesellschaft direkt adressiert: Es ist zuviel. Von allem. Und was alles, was du als Underground Publizist tun kannst, ist filtern, kuratieren. So wie hier im 11k2. Die Cancer Bats dagegen sind eine extrem sympathische und wundervoll unernste Metal Combo mit einem wundervoll unernsten Metal Bandnamen und ebensolchen Videos. Also, weiter mit den anderen Bands:

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Jlin: Unknown Tongues

Jerrilynn Patton wuchs in Greater Chicago (Gary, Indiana) und, wie hier im Vid von 2015 zu hören (aber nicht zu sehen), mit ghetto house und footwork auf. Das neue Album Embryo von letztem Jahr ist technoider, weniger IDM, auch wenn eine inoffizielle Collab mit Aphex Twin in eine andere Richtung deutet. Die wir dann natürlich auch hören wollen. Oder zumindest die Remixe.

In Lafayette, Lousiana, ist das Leben noch hässlicher als hier

Capra sind aus Lafayette, Lousiana, nicht weit vom Golf von Mexiko, irgendwo in den Sümpfen zwischen New Orleans und Houston. Das Leben dort muss ziemlich hässlich sein. Die Musik dagegen grossartig. Beim Herumblättern auf Musikwebseiten (Kann man im Internet herumblättern? Ich denke schon) fiel mir die Band schon zum zweiten Mal auf. Capra ist ja eigentlich kein Metal, eher Hardcore, und meilenweit weg von der Legion mittelmässiger Metalkapellen mit Vorzeigesängerin.

 

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