St. Octopus, der Stellarator, Big Data, und das neue Zwei-Klassen-Internet

giantpacificoctopus

So wenig Artikel wie zur Zeit gabs in der ganzen, über 8-jährigen Geschichte dieses Blogs noch nicht. Anfangs bis zu 11 Einträge pro Tag, heute einer pro Woche. Grund: Meine Augen werden nicht gesund, die ganze Netzhautgeschichte dauert jetzt seit über eineinhalb Jahren, übermorgen hab ich meinen nächsten Termin in der Augenklinik. Ich hatte schon unterhaltsamere Zeiten. Deshalb setze ich hier eine Zusammenfassung der Stories rein, die mir in den letzten 2 Wochen im Web besonders aufgefallen sind.

Zentrales Thema: Das EU-Parlament hat heute defacto das Ende der Netzneutralität in Europa beschlossen. Telekom-Konzerne haben bald freie Hand, welche Internetdaten sie wie schnell durchlassen. Dafür wird Roaming etwas billiger, fällt aber auch nicht ganz weg. Und warum? Weil nur 48 Prozent von euch im Mai 14 zur Wahl gingen. Deswegen. Und, ja, sie können dann auch verschlüsselten und VPN-Traffic einbremsen. Tja.

In Kürze wird in Greifswald, im Labor der Max-Planck-Gesellschaft, ein Stellarator in Betrieb gehen. Der Wendelstein 7-x ist der erste Fusionsreaktor, der eine halbe Stunde lang laufen kann. Bisherige Geräte vom Typ Tokamak können nur Sekundenbruchteile. Richtig Strom erzeugen wird aber erst der nächste Stellarator in einigen Jahren.

Komet Lovejoy versprüht Alkohol. Ja, Kometen enthalten komplexe organische Verbindungen. Nicht nur lauwarme Planeten wie die Erde.

„Peak Fisch“ haben wir bereits hinter uns. Die Ozeane sind überfischt, die Erträge weltweit gehen zurück.

Führende Polizeichefs der USA haben den „War On Drugs“ für gescheitert erklärt.

Durch die globale Erwärmung wird sich das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle noch weiter verstärken. Die reichen Länder werden reicher, die armen ärmer. Der US-Energiekonzern Exxon wusste übrigens seit den 80ern, wie sich das Klima entwickeln würde, gab aber viel Geld aus, um die Öffentlichkeit vom Gegenteil zu überzeugen.

Botnets, mit denen das organisierte Verbrechen durch DDOS-Erpressung sehr viel Geld verdient, laufen inzwischen auch auf Überwachungskameras. Die praktisch ungesichert am Internet hängen. Beruhigend, nicht wahr?

Das neue Wort für „Diktatur“ ist jetzt „Big Data“. China führt eine Bürgerbewertung für alle Einwohner ein, der mit dem Personalausweis verknüpft und unter anderem durch das Verhalten in Social Networks bestimmt wird. In den „freien“ westlichen Industrienationen erstellen Banken einen Vulnerability Index mit ähnlichen Mitteln, um zu ermitteln, wie beschissene Konditionen für Finanzdienstleistungen man bestimmten Personen reinpressen kann. Ist dasselbe, klingt nur ein wenig anders.

Das Bild oben zeigt einen Pazifischen Riesenoktopus, zu Gast im Aquarium von San Francisco, von cliff cc by

Netzneutralität tötet

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Nein, tut sie nicht, auch wenn EU-Digitalkommissar Günther Oettinger das immer behauptet. Weil extrem zeitkritische Daten garnicht über das Internet verschickt werden. Trotzdem versuchen unsere Telekomkonzerne (alle, nicht nur die Telekom), für schnelles Internet viel mehr Geld zu berechnen als für „normales“ – indem sie das bisherige Angebot verschlechtern. Heute treffen sich Parlament, Rat und Kommission in Brüssel, um über Netzneutralität zu beraten. Daher hat der Herausgeber des wichtigen Blogs Netzpolitik.org, Markus Beckedahl, diese Petition (Unterschriftenliste) herausgegeben, die ich natürlich sofort unterzeichnet habe. Unten ist ein schönes Erklärvideo von Filmemacher Alexander Lehmann, und in ganz einfachen Worten ist das alles so: Weiterlesen

Internet Slowdown Day

avatar-white-redHeute ist der „Internet Slowdown Day“, an dem vor allem US-ameri­kanische Websites und Techfirmen gegen die Pläne der US-Telekom­regulierungsbehörde FCC protestieren, die Netz­neutralität zugunsten erweiterter Profit­möglich­keiten für Internetanbieter abzuschaffen. Weil diese Versuche auch in Deutschland (und Europa) unternommen werden, schliesse ich mich dem Protest an. Wenn nächstesmal Telekom­firmen versuchen, reduzierte Internetgeschwindigkeit oder reduziertes Daten­volumen als normal zu verkaufen, und das Internet, wie wir es kennen, nur noch gegen profitablen Aufpreis, werden gemeinsam (ungeachtet aller sonstigen Meinungsunterscheide) dagegen sein. Und wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass ein Protestpotential von wenigen Prozent der Bevölkerung ausreicht, um die grossen politischen Entscheidungen zu beeinflussen. Also sollten wir das auch tun. Ich zähle auf euch. gif: internet

Rap News 25: Net Neutrality

Jetzt wissen wir endlich, wie das Internet ohne Netzneutralität heisst: Apartnet. Zuverlässig heisser Stoff von Giordano und Hugo.

Netzneutralität: Die Tech-Giganten wachen auf

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In den USA ist die Netzneutralität noch bedrohter als in Europa, wo das EU-Parlament klare Regeln für freien Wettbewerb festgelegt hat. Das unaufregend klingende Wort Netzneutralität beschreibt nämlich den bisherigen, aber bedrohten Zustand des Internet – Unternehmen, die Daten weitertransportieren (Internet Provider und Carrier), bekommen ihre Einnahmen heute von den Nutzern der Anschlüsse. Also sowohl von mir und euch als auch von Google und allen anderen Anbietern von „Inhalten“, also mehr oder weniger beliebten Webseiten. Nur: Weiterlesen

Das EU-Parlament und der Internet-Kommunismus

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Alles hätte so schön sein können. Und so lukrativ. Nachdem die Telekom-Giganten Europas in den letzten Jahren Telefonie, Radio- und TV-Kanäle ins Internet verlagerten und damit Leitungsengpässe erzeugten, kamen sie auf die glorreiche Idee, für dieselbe Leistung wie zuvor einfach mehr Geld von ihren Kunden zu verlangen (indem sie zunächst die Leistung verringern, aber genausoviel dafür verlangen, und dann ein “Premium-Angebot” herausgeben) und zusätzlich noch Gebühren von den Anbietern der Inhalte einzutreiben, also den Firmen, die das liefern, was die Leute sehen wollen, weswegen die sich überhaupt einen Internetanschluss besorgt haben. Genial, nicht? Weiterlesen

Die Telekom träumt vom Internet als Kabelfernsehsender

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Wie kann ein Telekommunikationsanbieter immer noch mehr Geld verdienen? Gibt es immer mehr Kunden? Nein. Verbrauchen die vorhandenen immer mehr Telefon und Internet? Irgendwie nein. Wie kann eine Firma dann überhaupt noch wachsen? Nur auf Kosten der Konkurrenz. Und wie kann das laufen? Weiterlesen